SINN

Vermutlich kennen wir alle diese Phasen im Leben, in denen wir uns fragen, was eigentlich der Sinn von allem ist. Wofür wir jeden Morgen aufstehen. Wofür wir arbeiten.  Wofür wir lieben. Wofür wir kämpfen.

Oft taucht diese Frage nicht mitten im Alltag auf. Sondern dann, wenn etwas ins Wanken gerät. Wenn wir unseren Beruf hinterfragen. Wenn eine Beziehung endet. Wenn die Kinder ausziehen. Wenn jemand stirbt.

In Zeiten der Veränderung wird plötzlich sichtbar, worauf wir unser Leben aufgebaut haben.

Ich kenne diese Frage nach dem Sinn gut. Immer wieder ist sie in meinem Leben aufgetaucht. Und genauso oft habe ich sie auch wieder beiseitegelegt, weil ich keine Antworten fand, die mich wirklich weiterbrachten.

Suchen wir den Sinn am falschen Ort?

Ich erinnere mich noch gut daran, als viele meiner Freunde Familien gründeten. Eine Freundin sagte damals zu mir: "Ich möchte Kinder, weil ich mir einen wirklichen Sinn in meinem Leben wünsche."

Dieser Satz hat mich lange beschäftigt. Sind Kinder für mich notwendig, um dem Sinn näherzukommen?
Ich konnte gut verstehen, was sie meinte. Kinder großzuziehen ist eine zutiefst sinnvolle Aufgabe. Aber irgendwann werden Kinder erwachsen. Und mit ihnen verändert sich auch diese Lebensaufgabe. Sie ist – wie alles im Leben – vergänglich.
Deshalb fühlte es sich für mich nie so an, als könnte darin der eigentliche Sinn meines Lebens liegen.

Später erlebte ich Ähnliches in meiner sozialen Arbeit. Auch dort spürte ich lange einen tiefen Sinn. Doch auch diese Lebensaufgabe veränderte sich. Und immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage: Was bleibt eigentlich von meinem Sinn, wenn sich meine Lebensaufgaben verändern?

Viele Quellen statt einer Antwort

Heute glaube ich nicht mehr, dass es den einen Sinn des Lebens gibt, den wir irgendwann finden werden.

Vor einiger Zeit hörte ich Veit Lindau in einem Podcast über sogenannte Sinnquellen sprechen. Dieser Gedanke hat mich sofort angesprochen. Denn plötzlich musste Sinn nicht mehr aus einer einzigen großen Aufgabe entstehen. Er durfte aus ganz unterschiedlichen Bereichen meines Lebens wachsen.

Manchmal finde ich Sinn in einer tiefen Begegnung mit einem Menschen. Manchmal draußen in der Natur oder beim Sport. An anderen Tagen in einer Meditation oder beim gemeinsamen Lachen mit Freunden. Und immer wieder auch dann, wenn ich etwas Neues lerne und daran wachsen darf.

Veit Lindau fasst diese Bereiche als verschiedene Sinnquellen zusammen: Beziehungen, Arbeit und Wirken, Körper und Vitalität, Kreativität, Natur, Gemeinschaft, Spiritualität, Spiel und Freude sowie Lernen und persönliches Wachstum.

Seit ich diesen Gedanken kenne, fühlt sich die Suche nach Sinn für mich leichter an. Ich muss nicht mehr die eine große Antwort finden. Ich darf mein Leben aus vielen kleinen Quellen nähren. Jede einzelne macht mein Fundament ein Stück stabiler.

Ich sehe immer wieder Menschen, die ihr gesamtes Sinnerleben auf eine einzige Quelle stützen. Für manche ist es der Beruf. Für andere die Kinder. Der Sport. Solange diese Quelle trägt, scheint alles in Ordnung zu sein. Doch wenn sie wegbricht, gerät oft das ganze Leben ins Wanken.

Für mich fühlt sich Sinn heute deshalb eher wie ein Tisch an. Hat er nur ein Bein, kippt er leicht um. Hat er mehrere Beine, bleibt er auch dann stehen, wenn eines davon wegbricht.

Der Sinn, der bleibt

Ich persönlich habe immer mehr das Gefühl, dass Lebensaufgaben zwar Ausdruck meines Sinns sein können, dass es aber noch mehr gibt als das.

Viel zu oft beobachte ich, wie wir uns über unsere Aufgaben definieren und dadurch uns selbst und unsere Leichtigkeit verlieren. Wir beginnen, das Leben und unsere Aufgaben viel zu ernst zu nehmen. Wir leiden, wenn Ziele nicht erreicht werden oder Dinge anders kommen als erwartet.

Ich frage mich oft, ob wir vergessen, dass das Leben kein Wettbewerb ist. Irgendwann bin ich auf einen Satz gestoßen, den ich mir bis heute immer wieder gerne in Erinnerung rufe: „Du kannst das Spiel des Lebens nicht gewinnen. Du kannst es nur spielen.“

Vielleicht geht es gar nicht darum, möglichst viel zu erreichen oder die perfekte Lebensaufgabe zu finden. Vielleicht geht es vielmehr darum, wie wir spielen. Mit Freude. Mit Hingabe. Mit Gelassenheit.

Für mich geben Aufgaben meinem Leben Richtung. Sie dürfen sich verändern. Vielleicht müssen sie das sogar. Der tiefere Sinn dagegen liegt für mich heute an einem anderen Ort. In mir – nicht im Außen.

Shi Heng Yi stellt dazu immer wieder eine spannende Frage. Warum sagen wir:
Meine Gedanken.
Meine Gefühle.
Mein Körper.

Wer ist dieses Ich, das all das besitzt? Diese Frage hat mich sehr nachdenklich gemacht. Denn wenn ich nicht meine Gedanken bin und auch nicht meine Gefühle, wer bin ich dann?

Vielleicht beginnt Sinn genau dort, wo wir uns selbst immer besser kennenlernen. Dort, wo wir erkennen, dass wir mehr sind als unsere Rollen, unsere Gedanken, unsere Prägungen, unser Körper oder unsere Aufgaben.

Seit ich mich mit dieser Frage beschäftige, wird für mich immer deutlicher: Entscheidend ist gar nicht so sehr das Was, sondern das Wie. Wie begegne ich einem Menschen? Wie gehe ich mit Herausforderungen um? Wie viel Liebe, Aufmerksamkeit und Hingabe bringe ich in das ein, was ich gerade tue? Vielleicht bekommt dieselbe Aufgabe erst durch die Art, wie ich sie lebe, ihren eigentlichen Sinn.

Eine Lebensaufgabe, die nie endet

Vielleicht besteht meine eigentliche Lebensaufgabe heute darin, meinen eigenen Geist immer besser zu verstehen.
Meine Ängste.
Meine Wut.
Meine Unruhe.
Meine Reaktionen.

Nicht, um perfekt zu werden. Sondern um ihnen nicht länger ausgeliefert zu sein. Jeder Tag bietet dafür neue Möglichkeiten. Jede Begegnung. Jeder Konflikt. Jede Herausforderung.

Gerade die schwierigen Momente werden zu Trainingsfeldern. Nicht gegen das Leben. Sondern für mehr Gelassenheit. Mehr Klarheit. Mehr Mitgefühl.

Eine neue Frage

Früher fragte ich mich oft: Was wünsche ich mir vom Leben?
Heute begleitet mich eine andere Frage: Was möchte das Leben durch mich zum Ausdruck bringen?

Diese Frage fühlt sich anders an. Sie richtet meinen Blick weniger auf das, was mir noch fehlt, sondern auf das, was bereits in mir angelegt ist.
Auf meine Werte.
Auf meine Haltung.
Auf meine Talente.
Und auf die Dinge, denen ich mich mit Hingabe widmen möchte.

Für mich ist Sinn heute keine Antwort mehr, sondern eine Art, durchs Leben zu gehen. Nicht das Was steht für mich im Mittelpunkt, sondern das Wie. Vielleicht kann ich das Spiel des Lebens nicht gewinnen. Aber ich kann lernen, es mit mehr Bewusstheit, Leichtigkeit und Liebe zu spielen.

Vielleicht werde ich den Sinn meines Lebens nie vollständig verstehen. Aber jeden Morgen habe ich die Möglichkeit, meinem Leben neu Bedeutung zu geben – durch die Art, wie ich ihm begegne.

Luma – it begins in you.

Mini-Übung
Nimm dir heute eine Minute Zeit und halte kurz inne.
Frage dich nicht: Was muss ich als Nächstes tun?
Frage dich stattdessen: Wie möchte ich die nächste Aufgabe tun?
Vielleicht verändert schon diese kleine Frage den Moment.

Reflexionsfrage
Welche Aufgabe in meinem Leben hat gerade besonders viel Bedeutung für mich – und worauf würde ich mich stützen, wenn sie morgen wegfiele?

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