MITGEFÜHL
“Wenn du inneren Frieden finden möchtest, musst du Menschen mögen.”
Als ich diesen Satz zum ersten Mal in einem Interview vom buddhistischen Lehrer Tulku Lobsang hörte, musste ich schmunzeln.
Menschen mögen? Alle? Das erschien mir fast unmöglich.
Doch der Satz ließ mich nicht mehr los. Ich begann mich selbst zu beobachten. Und plötzlich bemerkte ich, wie oft ich Menschen beurteilte, sie spontan nicht mochte oder mich ihnen sogar überlegen fühlte – noch bevor ich sie überhaupt kennengelernt hatte.
Der Porschefahrer.
Die Frau mit den aufgespritzten Lippen.
Der konservative Politiker.
Der arrogante Schnösel.
Innerhalb weniger Sekunden hatte ich mir eine Geschichte über sie erzählt. Warum machen wir das eigentlich? Und warum ist es in unserer Gesellschaft so normal geworden?
Ich komme immer wieder auf ähnliche Antworten: Urteilen kostet erstaunlich wenig Energie. Mitgefühl hingegen verlangt, einen Moment länger hinzusehen.
Mittlerweile glaube ich, dass Mitgefühl viel weniger mit Moral zu tun hat, als wir glauben. Für mich ist es vielmehr eine innere Haltung, die aus Ruhe entsteht und unseren Blick auf andere Menschen verändert.
Und genau das macht mir Hoffnung: Mitgefühl ist keine Eigenschaft, die manche Menschen besitzen und andere nicht. Es ist eine Fähigkeit, die wir alle üben können.
Hinter jedem Verhalten steckt eine Geschichte
Wir verletzen andere Menschen selten, weil wir grundsätzlich böse sind.
Oft handeln wir aus Angst.
Aus Überforderung.
Aus alten Verletzungen.
Aus Prägungen, die wir selbst nie hinterfragt haben.
Je bewusster ich lebe, desto häufiger erkenne ich, dass jeder Mensch aus seinen eigenen Ursachen und Bedingungen heraus handelt. Das entschuldigt nicht jedes Verhalten. Aber es macht das Verurteilen schwieriger.
Gerade wenn uns Menschen begegnen, die völlig anders denken oder leben als wir, neigen wir zu zwei Extremen. Entweder verhärten wir uns und lehnen sie ab. Oder wir rutschen ins Mitleid. Doch es gibt noch einen dritten Weg.
Mitgefühl. Anderen Menschen mit einem offenen Herzen zu begegnen, ohne sie zu verurteilen und ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Mitgefühl beginnt bei uns selbst
Dabei hat mich etwas besonders überrascht. Ich kann anderen nur so viel Mitgefühl schenken, wie ich mir selbst entgegenbringe.
Solange ich ständig gegen mich selbst kämpfe, mich antreibe oder für jeden Fehler verurteile, werde ich unbewusst auch mit anderen ähnlich umgehen.
Erst als ich begann, meine eigenen Gedanken, Gefühle und Schwächen liebevoller wahrzunehmen, entstand langsam mehr Raum. Nicht nur für mich. Auch für andere.
Heute weiß ich, dass Selbstannahme der erste große Schritt ist, um überhaupt mehr Mitgefühl entwickeln zu können.
Mitgefühl heißt nicht, alles gutzuheißen
Noch etwas habe ich auf diesem Weg gelernt:
Ich kann Grenzen setzen.
Ich kann Nein sagen.
Ich kann eine Beziehung beenden.
Und trotzdem Mitgefühl empfinden.
Mitgefühl bedeutet nicht, alles zu entschuldigen. Nicht, Konflikten auszuweichen. Nicht, sich selbst aufzugeben.
Es bedeutet vielmehr: Ich kann die Menschlichkeit eines Mitmenschen erkennen, auch wenn ich sein Verhalten nicht akzeptiere.
Diese Haltung machte es mir sogar möglich, einem Menschen zu verzeihen – nicht, weil sein Verhalten richtig war, sondern weil ich mich nicht länger an meinen Schmerz binden wollte.
Solange ich kämpfe, urteile oder festhalte, bleibe ich innerlich an den anderen gebunden. Mitgefühl löst diese Verstrickung. Nicht weil der andere sich verändert. Sondern weil ich beginne, anders zu schauen.
Innere Ruhe als Schlüssel
Was ich in meinem Umfeld vor allem beobachte, ist ein Mangel an innerer Ruhe – jener Ruhe, aus der Mitgefühl überhaupt erst entstehen kann.
Veit Lindau beschreibt unser Nervensystem als unser ältestes Betriebssystem. Befindet es sich im Überlebensmodus, reagieren wir mit Angriff, Rückzug oder Erstarren. Erst ein reguliertes Nervensystem ermöglicht echte Verbindung. Ich glaube, genau darin liegt eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.
Noch bevor wir morgens das Haus verlassen, erreichen uns Nachrichten über Kriege, Naturkatastrophen, Hunger, Flucht oder persönliche Schicksale aus allen Teilen der Welt. Dazu kommen die Sorgen unserer Familie, unserer Freunde, unserer Kollegen und der Menschen in den sozialen Medien.
Unser Gehirn reagiert auf all diese Geschichten, als gehörten sie zu unserem unmittelbaren Leben. Doch unser Nervensystem ist dafür nicht gemacht. Kein Mensch kann den Schmerz der ganzen Welt tragen.
Verlassen wir aufgrund von Überbelastung unser Toleranzfenster, schaltet unser Nervensystem in einen Schutzmodus. Wir werden gereizter und teilen aus. Oder wir ziehen uns zurück und stumpfen innerlich ab. Nicht weil wir schlechte Menschen geworden sind. Sondern weil unser Organismus versucht, sich selbst zu schützen.
Gerade dann fällt es uns schwer, anderen Menschen – selbst unseren Liebsten – mit einem offenen Herzen zu begegnen.
Vielleicht brauchen wir deshalb heute vor allem mehr Momente, in denen unser Nervensystem wieder Sicherheit und innere Ruhe erleben kann.
Für mich sind Meditation, Atemübungen, Yoga, Tai Chi und ähnliche Praktiken in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Wege geworden, mich selbst zu regulieren und immer wieder innere Ruhe zu finden. Auch wenn die Außenwelt gerade stürmisch ist.
Als ich Mitgefühl mit Mitleid verwechselt habe
Lange Zeit dachte ich, ich sei ein besonders mitfühlender Mensch. Heute sehe ich, dass vieles von dem, was ich früher für Mitgefühl hielt, eher Mitleid war.
Sehr oft dann, wenn mein eigenes Leben gerade leicht war, richtete ich meinen Blick auf Menschen, denen es schlechter ging.
Ich fühlte mich schlecht.
Ich wollte helfen.
Trösten.
Lösungen finden.
Doch unbewusst stieg ich selbst in ihren Schmerz hinein. Ihre Sorgen wurden zu meinen Sorgen. Ihre Hoffnungslosigkeit wurde zu meiner Hoffnungslosigkeit. Irgendwann bemerkte ich, wie sehr mich das erschöpfte.
Heute spüre ich immer öfter den kleinen, aber entscheidenden Unterschied. Mitleid zieht mich in das Leid des anderen hinein. Mitgefühl erlaubt mir, den Schmerz vollständig wahrzunehmen und gleichzeitig innerlich ruhig zu bleiben. Gerade dadurch bleibe ich handlungsfähig.
Mitgefühl bedeutet nicht, weniger zu fühlen. Sondern anders zu fühlen.
Wer helfen will, darf nicht untergehen
Sehr oft denke ich an die Zeit unseres Engagements für geflüchtete Menschen zurück. Ein Freund sprach immer wieder von "Hilfe zur Selbsthilfe". Ich hingegen wollte möglichst viel übernehmen. Loslassen fiel mir schwer. Und wenn ich ehrlich bin, fühlte ich mich damals von ihm auch etwas alleine gelassen.
Heute glaube ich, dass Menschen manchmal mehr von unserem Vertrauen profitieren als von unserer Aufopferung. Ich muss den Schmerz eines Menschen nicht kleiner machen. Aber ich darf darauf vertrauen, dass mehr in ihm steckt als seine Krise. Ich kann helfen, ohne alles mitzutragen. Vielleicht ist genau das der noch viel größere Respekt.
Was die Hirnforschung entdeckt hat
Auch die Neurowissenschaftlerin Tania Singer beschreibt einen spannenden Unterschied. Unser Gehirn unterscheidet zwischen Empathie und Mitgefühl. Empathie bedeutet, den Schmerz eines anderen nachzuempfinden. Das ist etwas Wertvolles.
Doch wenn wir dauerhaft den Schmerz anderer übernehmen, entsteht das, was Tania Singer empathischen Stress nennt. Für mich beschreibt dieser Begriff sehr treffend das, was ich früher für Mitgefühl hielt, in Wirklichkeit aber oft Mitleid war. Wir leiden selbst.
Mitgefühl aktiviert andere Netzwerke unseres Gehirns – Bereiche, die mit Fürsorge, Verbundenheit und positiver Motivation verbunden sind.
Singer fasst es sinngemäß wunderbar zusammen: Empathie kann ermüden. Mitgefühl stärkt. Ein schönes Bild dafür ist dieses: Stürzt ein Mensch in einen Fluss, springt Empathie hinterher. Mitgefühl bleibt am Ufer stehen und wirft ein Seil. Gerade weil es nicht untergeht, kann es helfen.
Besonders spannend finde ich, dass viele Erkenntnisse der Mitgefühlsforschung aus Untersuchungen mit langjährig meditierenden buddhistischen Praktizierenden stammen.
Sie zeigen: Mitgefühl ist keine angeborene Eigenschaft. Es ist eine Fähigkeit, die geübt werden kann. Nicht weniger fühlen. Anders fühlen.
Mitgefühl verändert zuerst uns selbst
Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto besser verstehe ich, warum Mitgefühl im Buddhismus einen so hohen Stellenwert hat.
Mitgefühl ist dort weit mehr als eine freundliche Eigenschaft. Es ist eine Haltung. Eine Art, Menschen zu begegnen. Nicht mit Urteil. Nicht mit Überlegenheit. Nicht mit Mitleid. Sondern mit einem offenen Herzen.
Ich selbst habe beim bewussten Praktizieren von Mitgefühl etwas gespürt, was ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Es hat wider meine Erwartungen gar nicht so sehr andere Menschen verändert, sondern vor allem mich. Denn jedes Urteil trennt. Mitgefühl verbindet. Nicht weil plötzlich alle Menschen einfacher werden. Sondern weil wir beginnen, hinter ihrem Verhalten den Menschen zu sehen.
Innere Ruhe macht Mitgefühl möglich. Mitgefühl verändert unseren Blick auf andere Menschen. Wenn wir Menschen mit weniger Urteil und mehr Verständnis begegnen, verändert das nicht nur unser Miteinander – sondern vor allem auch unser eigenes Leben. Es wird leichter. Friedlicher. Freier.
Vielleicht sind innere Ruhe, Mitgefühl und das Mögen anderer Menschen gar keine drei verschiedenen Dinge. Sie nähren sich gegenseitig.
Ich glaube, dass Tulku Lobsang genau das meinte, als er sagte:
“Wenn du inneren Frieden finden möchtest, musst du Menschen mögen.”
Mini Übung
Wann immer du heute bemerkst, dass du einen Menschen spontan bewertest, halte kurz inne. Ersetze dein Urteil für einen Moment durch Neugier und frage dich:
„Was könnte hinter dem Verhalten dieses Menschen stecken, das ich nicht sehe?“
Reflexionsfrage
Wo könnte mir heute etwas mehr Mitgefühl das Leben leichter machen?