EGO
Ich wollte nie egoistisch sein.
Egoistisch zu sein galt als etwas Verwerfliches. Ganz besonders für Frauen.
So wurde ich programmiert.
In unserer Familie war es selbstverständlich, dass mein Vater und mein Bruder das größte Stück Fleisch bekamen oder im Haushalt kaum anpacken mussten. Sie hatten ganz selbstverständlich eine Sonderstellung. Rückblickend würde ich sagen: Sie durften einen gesunden Egoismus entwickeln.
Als Frau hingegen wurde ich darauf konditioniert, meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Selbstfürsorge galt als egoistisch.
Diese Haltung wurde von meiner Mutter vorgelebt:
Sei bescheiden. Denk zuerst an andere. Mach keine Umstände. Eine gute Frau opfert sich für die Familie.
Dann wird sie geliebt.
Als Jugendliche begann sich etwas in mir dagegen zu wehren. Ich hinterfragte ihre Haltung immer wieder. Meine Mutter hatte sich längst damit abgefunden und sagte nur:
„Tja, wie man sich bettet, so liegt man.“
Ich lerne zu unterscheiden
Heute beginne ich zu unterscheiden. Was ist Ego? Was ist Egoismus? Wo beginnt Selbstliebe? Und wo darf ich Grenzen setzen?
Diese Unterscheidung ist oft nicht leicht. Sie erfordert viel Selbstreflexion und radikale Ehrlichkeit mit mir selbst. Mittlerweile empfinde ich meine Selbstbeobachtung als einen spannenden, lehrreichen und befreienden Prozess. Ich lerne mich dabei immer besser kennen und verstehen.
Lange Zeit habe ich meine eigenen Bedürfnisse unterdrückt, weil ich sie als Egoismus interpretiert habe. Heute erkenne ich, dass viele Menschen – besonders diejenigen, die sehr verantwortungsbewusst sind – Selbstfürsorge mit Egoismus verwechseln.
Doch wer sich selbst dauerhaft übergeht, kann auch für andere nicht wirklich da sein.
Egoismus entsteht dort, wo ich die Bedürfnisse anderer grundsätzlich ignoriere und mich selbst über sie stelle.
Selbstliebe hingegen bedeutet, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und anderen zu helfen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Grenzen ziehen ist kein Egoismus, sondern ein Akt der Liebe
Immer wieder denke ich darüber nach, warum ich mir mein ganzes Leben lang so schwer damit getan habe, Nein zu sagen. Unbewusst ist mir immer wieder vorschnell ein Ja herausgerutscht. Ich bin unwillig zu Treffen gegangen und habe Dinge getan, die andere von mir erwartet haben, ohne mich zu fragen, was ich eigentlich wollte.
Warum? Vermutlich, weil ich nicht egoistisch sein wollte und den Satz „Sei nicht so egoistisch.“ verinnerlicht habe.
Heute lerne ich nach und nach, dass eine Grenze auch mit Liebe gezogen werden kann. Ich kann Nein sagen, auch wenn dadurch jemand anderer enttäuscht wird. Ich darf eine Beziehung verändern, die mir dauerhaft Energie raubt. Ich kann Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört.
Mit einer wichtigen Prämisse: Ich handle jedes Mal bewusst für mich, nicht gegen den anderen.
Ich kann deutlich Nein sagen, ohne den anderen abzuwerten oder innerlich gegen ihn zu kämpfen. Ein Ja zu anderen, das in Wahrheit ein Nein zu mir selbst ist, ist selten wirklich liebevoll.
Liebevolle Grenzen zu setzen, fällt mir nicht immer leicht. Aber das Gefühl der Freiheit, wenn ich plötzlich ganz klar sehe, was zu tun ist, ist wunderbar. Ich brauche immer weniger Ausreden oder Erklärungen und das Leben wird dadurch so viel leichter.
Ein klares Nein kann sehr friedlich sein.
Und das Spannende dabei: Ganz gegen meine Erwartungen fallen viele Reaktionen meines Umfeldes verständnisvoller aus als gedacht. Meine eigene Klarheit gibt auch ihnen Klarheit.
Früher habe ich mein Nein oft mit Ausreden oder Erklärungen gerechtfertigt. Doch in Wahrheit haben mich meine Ausflüchte selbst belastet. Heute weiß ich, dass mein Gegenüber meine Unehrlichkeit natürlich gespürt hat – genauso wie ich sie bei anderen spüre.
Grenzen sind für mich selten egoistisch, wenn sie aus Klarheit entstehen. Nicht jede Grenze entsteht aus derselben Motivation. Manche Grenzen ziehe ich, weil ich müde bin oder mich schützen muss. Andere, weil sie meinen Werten entsprechen. Beide dürfen ihren Platz haben.
Loslassen von der Identifikation
Verantwortung zu übernehmen wurde früh zu einem Teil meiner Identität.
Ich höre immer wieder Sätze aus meiner Kindheit:
„Du bist die Älteste, sei du vernünftig.“
„Du bist das Vorbild für die anderen.“
„Du trägst die Verantwortung.“
Später wurde ich von meinen Eltern sehr oft für mein Verantwortungsbewusstsein gelobt. Wer Verantwortung trägt, wird geliebt. So habe ich es gelernt. Deshalb bin ich immer wieder gerne in die Helferrolle geschlüpft. Auch dann, wenn ich gar nicht gefragt wurde. Ich habe Verantwortung übernommen, bevor mich jemand darum gebeten hat.
Irgendwann wurde aus einer Eigenschaft eine Rolle. Und aus der Rolle ein Teil meiner Identität.
Aber wie schaffe ich es, aus diesen alten Mustern herauszukommen und meinen Wert nicht aus meinem Pflichtgefühl zu beziehen? Wie kann ich Verantwortung übernehmen, ohne mich mit ihr zu identifizieren?
Was mir dabei immer wieder hilft, ist bewusstes Hinschauen. Denn auch mein Ego möchte an dieser alten Identität festhalten. Es möchte die Anerkennung behalten, die damit verbunden ist.
Wenn ich spüre: Aha, das ist gerade mein Ego, kann ich mir viel leichter sagen: Heute darf ich die Verantwortung auch einmal abgeben. Es ist okay. Ich bin nicht die Verantwortung. Raus aus der Identifikation.
Denn genau darin liegt eine der großen Fallen des Egos: Es identifiziert sich immer wieder mit Gedanken, Rollen und Geschichten über uns selbst, die uns der Verstand erzählt.
Ich bin erfolgreich.
Ich bin Opfer.
Ich bin Mutter.
Ich bin sportlich.
Ich bin verantwortungsbewusst.
Ich muss stark sein.
Diese Rollen sind nicht unbedingt falsch. Aber durch das Anhaften und die Identifikation mit ihnen beginnen wir immer wieder zu leiden. Wenn ich glaube, diese Rolle zu sein, und sie irgendwann wegfällt, leide ich. Besonders dann, wenn sie mein Leben sehr stark bestimmt hat.
Je bewusster ich mir meine Gefühle und Gedanken mache, desto leichter fällt es mir auch, sie loszulassen oder zu verändern.
Ein Trigger, der viel mit mir zu tun hat
Egoistische Menschen triggern mich stark. Warum?
Wie jeder Trigger hat auch dieser sehr viel mit mir selbst zu tun. Ich habe früh gelernt, mich zuerst um andere zu kümmern. Für mich selbst einzustehen, fühlte sich lange egoistisch an.
Vielleicht berührt mich deshalb das Verhalten von Menschen so stark, die ihr eigenes Wohl ganz selbstverständlich über das der anderen stellen – etwas, das ich selbst lange nicht konnte oder mir nicht erlaubt habe.
Je bewusster ich mich selbst und mein Umfeld beobachte, desto klarer wird mir aber auch, dass egoistisches Verhalten nicht unbedingt aus Stärke entsteht. Im Gegenteil. Es kann auch aus einem Gefühl von Unvollständigkeit entstehen. Diese Erkenntnis hilft mir dabei, egoistisches Verhalten weniger schnell zu verurteilen und mit mehr Mitgefühl zu betrachten.
Nicht alles persönlich nehmen
Ich war sehr lange ein Champion darin, Dinge sehr persönlich zu nehmen. Heute erkenne ich endlich, dass auch ein Nein von anderen Menschen selten gegen mich gerichtet ist.
Wie oft war ich durch Kritik zutiefst verletzt. Was habe ich gelitten. Doch wenn ich mich kritisiert oder verletzt fühle, ist das zuerst einmal mein Ego, das reagiert.
Heute weiß ich das. Ich versuche innezuhalten, meinen Körper wahrzunehmen, in mich hineinzuhören und mich zu fragen: Was in mir fühlt sich eigentlich gerade angegriffen? Plötzlich sieht die Welt schon wieder etwas anders aus und ich beginne mich zu entspannen.
Allein die Beobachtung schafft Abstand und verhindert, dass mein Ego automatisch die Führung übernimmt.
Ich lerne immer mehr, dass Kritik oder heftige Reaktionen anderer oft viel weniger mit mir zu tun haben, als ich lange geglaubt habe. Manchmal spricht daraus eine eigene Verletzung. Manchmal Angst. Manchmal spricht auch das Ego meines Gegenübers. Das heißt nicht, dass ich Kritik ignoriere. Aber ich muss nicht jede Reaktion zu meiner Wahrheit machen. Manches darf ich einfach bei dem anderen lassen. Das fühlt sich unglaublich befreiend an.
Das Ego ist nicht mein Feind
Früher habe ich viel Energie darauf verwendet, mein Ego zu bekämpfen. Heute sehe ich die Herausforderung anders: Ich versuche, es bewusst wahrzunehmen. Als ich begann, genauer hinzuschauen, war ich anfangs richtig entsetzt von dem, was ich in mir entdeckte. Seiten an mir, die ich so gar nicht sehen wollte.
Heute sehe ich es als einen notwendigen Teil meiner Persönlichkeit. Es hilft mir, im Alltag zu funktionieren, Entscheidungen zu treffen und eine Identität zu entwickeln.
Natürlich ertappe ich mich immer wieder bei alten Mustern: dem Vergleich mit anderen, dem Bedürfnis, Recht haben zu wollen, der Angst vor Ablehnung, dem Wunsch nach Kontrolle, dem Festhalten oder dem Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen, um Anerkennung zu erhalten.
Die bewusste Wahrnehmung dieser alten Ego-Muster ist heute mein tägliches Training. Sie verlangt immer wieder radikale Ehrlichkeit mit mir selbst. Nur durch Ehrlichkeit kann ich mein Ego erkennen und aus einem tieferen, authentischen Selbst heraus handeln.
Dem Ego mit einem Lächeln begegnen
Lange habe ich mich für mein Ego geschämt, wenn es sich bemerkbar machte. Es war für mich ein Schatten. Etwas, das ich nicht sehen wollte. Etwas, das ich zu unterdrücken oder zu bekämpfen versuchte.
Inzwischen versuche ich, ihm mit einem Lächeln zu begegnen, wenn es sich meldet.
Aha, da ist es wieder.
Was sagt es mir über mich? Es lädt mich ein, innezuhalten, Klarheit zu suchen und mich zu fragen: Was ist jetzt der richtige Schritt?
Ich begegne ihm nicht mehr mit Scham, sondern mit Neugier. Es zeigt mir, wo ich noch an alten Mustern festhalte, wo Ängste oder alte Glaubenssätze mein Handeln bestimmen.
Genau das gibt mir die Möglichkeit, nicht automatisch zu reagieren, sondern mich immer wieder neu zu entscheiden. So kann ich alte Verhaltensmuster verändern und wachsen.
Mit jedem Moment, in dem mir das gelingt, wird mein Leben ein Stück freier, ruhiger und friedlicher.
LUMA - It begins in you.
Mini-Übung
Beobachte dein Ego – ohne es zu bewerten. Nimm dir heute einen Moment Zeit, in dem du dich ärgerst, verletzt fühlst oder unbedingt Recht haben möchtest. Halte kurz inne und frage dich:
Was fühlt sich gerade in mir bedroht?
Welche Angst oder welches Bedürfnis steckt vielleicht dahinter?
Wie würde ich reagieren, wenn ich mich gerade vollkommen sicher fühlen würde?
Versuche nichts zu verändern. Beobachte einfach.
Oft entsteht allein durch diese kleine Pause schon ein neuer Handlungsspielraum.
Reflexionsfrage
Woran erkenne ich, dass gerade mein Ego spricht – und nicht meine innere Klarheit?