HEIMAT

„Home is where your heart is.“
Das war schon lange meine Antwort, wenn von Heimat die Rede war.
Aber was meinte ich damit eigentlich?

Mit einer traditionellen Heimatverbundenheit konnte ich nie viel anfangen. Im Gegenteil. Irgendetwas wehrte sich in mir dagegen. Wir verändern uns, das Leben verändert sich, Orte verändern sich. Da passte für mich dieses Verwurzeltsein mit einem bestimmten Ort nicht dazu.

Vielleicht wurde der Begriff Heimat für mich auch deshalb zunehmend negativ besetzt, weil er immer wieder von populistischen Parteien vereinnahmt wird. Und möglicherweise wird hier oft etwas vermischt: Was ist wirklich Heimat – und was ist Vertrautheit?

Und was könnte Heimat für mich sein, wenn sie nicht mein Geburtsland ist?

Was, wenn Heimat keinen festen Ort hat?

Mein Mann ist Belgier und zog vor vielen Jahren zu mir nach Österreich, in mein Geburtsland. Er fühlte sich hier viele Jahre lang sehr wohl und, so glaube ich, auch zuhause.

Später haben wir gemeinsam eineinhalb Jahre auf den Philippinen gelebt und gearbeitet. Diese Zeit war für uns beide sehr intensiv. Wir haben das Land und vor allem die Menschen dort sehr ins Herz geschlossen. Bis heute spüre ich etwas, das ich wohl Heimatgefühl nennen würde, wenn ich an diesen Lebensabschnitt zurückdenke.

Mittlerweile zieht es uns mehr und mehr in unsere Wahlheimat Spanien. Wir lieben das Land, das Klima und die südländische Herzlichkeit und Lockerheit der Menschen. Von Beginn an haben wir uns beide dort extrem wohl und sehr bald auch heimisch gefühlt.

Wir begegnen anderen Kulturen und Menschen gerne mit großer Neugier und Offenheit. Es bereitet uns Freude, Rituale und Traditionen, die uns aus anderen Ländern gefallen, zu übernehmen. Und wir tauchen gerne in das Leben der Menschen ein, die dort aufgewachsen sind.

Bestimmt fällt uns das auch deshalb besonders leicht, weil wir immer das Privileg hatten, selbst zu entscheiden, an welchem Ort wir leben möchten.

Doch nicht jeder Mensch kann selbst entscheiden, wo er lebt. Ich denke dabei an meine Schwägerin aus Togo, die schon in sehr jungen Jahren nach Belgien gekommen ist. Nicht aus freiem Entschluss – ihr Leben hat sie dorthin geführt. Sie kam in ein Land, das für sie damals völlig fremd war. Heute wachsen dort ihre Kinder auf. Und so ist Belgien auch für sie längst so etwas wie Heimat geworden.

Auch unsere afghanischen Freunde mussten ihre Heimat schon als Jugendliche verlassen und nach Österreich flüchten. Einige konnten bleiben und haben sich hier mittlerweile ein Leben aufgebaut, geheiratet und Familien gegründet. Anfangs habe ich nicht verstanden, warum es für viele der jungen Männer, die damals zu uns gekommen sind, so wichtig war, eine Partnerin aus ihrer Heimat zu finden. Vieles wäre vermutlich einfacher gewesen, wenn sie eine Österreicherin geheiratet hätten. Doch der Wunsch nach einer afghanischen Familie entsprang wohl auch der Sehnsucht danach, ein Stück Heimat weiterleben zu lassen.

Manchmal werden wir eingeladen und dürfen herrliches afghanisches Essen genießen. Serviert wird auf einem Tischtuch am Boden. Und jedes Mal spüre ich die Freude unserer Gastgeber darüber, wenn sie merken, wie sehr wir diesen kleinen Ausflug in eine völlig andere Welt – mitten in Wien – genießen.

Gleichzeitig wissen sie, dass ihre Kinder diese Traditionen wahrscheinlich nicht in derselben Form weiterleben werden. Sie werden mit ihren eigenen Familien vermutlich irgendwann am Tisch essen – so, wie es in dem Land üblich ist, in dem sie aufgewachsen sind.

Auch das ist Heimat. Sie verändert sich.

Für mich ist Heimat längst viel mehr als ein geografischer Ort. Ich finde sie auch in Gefühlen, in der Natur und in Verbindungen mit Menschen.

Jede äußere Heimat ist vergänglich

Doch auch Gefühle und Verbindungen, die uns für eine Zeit lang Heimat und Halt geben, sind ständiger Veränderung unterworfen.

Jegliche Art der Heimat, die wir im Außen finden, ist vergänglich.
Jeder Ort.
Jede Familie.
Jede Beziehung.
Jede vertraute Umgebung.

In meinem Leben gab es immer wieder Menschen, bei denen ich mich sehr wohl und sicher fühlte. Bei denen ich einfach ich selbst sein konnte und die mir Geborgenheit gaben.

Manche von ihnen gibt es immer noch in meinem Leben, andere nicht. Auch Beziehungen können sich verändern. Auch ich verändere mich stetig. Deshalb ist es wohl nur natürlich, dass sich auch meine Beziehungen verändern.

Bis vor Kurzem war mein Elternhaus noch ein Stück Heimat für mich. Vor allem deshalb, weil meine Mutter dort lebte. Ich kam regelmäßig dorthin zurück. Meine Mutter ist vor ein paar Wochen gestorben. Und damit hat sich auch meine Verbindung zu diesem Ort verändert. Was jetzt?

Wir können einem vergangenen Zuhause hinterherlaufen. Einer Kindheit. Einer Familie, wie sie einmal war. Einer Stadt, die sich verändert hat. Einem Land. Einer Beziehung. Und vielleicht verwechseln wir dabei sehr oft Heimat mit Vertrautheit.

Ich habe für mich beschlossen, loszulassen und zu akzeptieren. Ich habe schöne Erinnerungen, auf denen ich aufbauen kann. Erinnerungen, die bleiben dürfen, auch wenn der Ort nicht mehr derselbe ist.

Und aus diesen Erinnerungen kann ich mir ein neues Stück Heimat bauen. Ein Zuhause, das immer mehr in mir liegt und bleibt.

Kann ich mir selbst ein Zuhause sein?

In den letzten Jahren habe ich gespürt, wie wichtig mein inneres Zuhause für mich geworden ist.

Ich bin gerade dabei, in mir einen Platz zu schaffen, an dem ich mich sicher und geborgen und gleichzeitig frei fühlen kann. Einen Platz, an dem ich mich entfalten und wachsen kann.

Diesem Platz komme ich langsam näher, vor allem dann, wenn ich absolut ehrlich zu mir selbst bin. Je authentischer ich werde, desto mehr Geborgenheit spüre ich in mir.

Wenn ich vor mir selbst keine Rolle mehr spielen muss, werde ich ruhig. Dann fühle ich mich sicher. Vielleicht beginnt genau hier mein inneres Zuhause: an dem Platz in mir, an dem ich ganz ich selbst sein kann.

Auch meine Werte bekommen für mich eine immer größere Bedeutung. Sie geben mir Orientierung. Und vielleicht können auch sie ein Teil meines inneren Zuhauses sein.

In der Natur und in der Stille fällt es mir derzeit besonders leicht, ganz bei mir anzukommen. Vielleicht erinnert mich die Natur daran, dass ich selbst Teil des Lebens bin. Sie versetzt mich in einen Zustand der Zugehörigkeit und der Ruhe und schafft es immer wieder, mich nach Hause zu bringen.

Ein Gefühl von Zuhause geben mir auch Routinen, egal, an welchem Ort ich mich befinde. Meine Morgenmeditation zum Beispiel. Ob ich gerade in Spanien oder in Österreich bin – mein Tag beginnt auf die gleiche Weise. Ein kleiner vertrauter Moment, den ich mitnehmen kann. Auch das gibt mir ein Gefühl von Zuhause.

Die Frage ist für mich deshalb schon lange nicht mehr: Wo bin ich zu Hause?
Sondern vielmehr: Was gibt mir Halt, egal wo ich bin?

Kann Heimat größer werden?

Ein weiterer Grund dafür, warum Heimat für mich nicht nur positiv besetzt ist, liegt in der Abgrenzung, die sie oft bewirkt. Muss Heimat eigentlich etwas sein, das wir schützen, indem wir es von anderen abgrenzen? Oder kann Heimat etwas sein, das größer wird, wenn wir sie teilen?

Wenn ich an meine afghanischen Freunde und an meine Schwägerin denke, gefällt mir der Gedanke, dass Heimat nicht verschwinden muss, nur weil Menschen ihre Heimat verlassen.

Sie bringen ein Stück davon mit.
Ihr Essen.
Ihre Rituale.
Ihre Geschichten.
Ihre Art, miteinander zu feiern und zu leben.

Und wenn sie uns daran teilhaben lassen, passiert etwas Interessantes: Ihre Heimat wird nicht weniger. Sie wird für einen Moment auch ein kleines Stück zu unserer. So stelle ich mir Heimat vor.

Nicht als etwas, das wir bewahren, indem wir die Tür schließen. Sondern als etwas, das wir bewahren, indem wir es mit anderen teilen.

Mir gefällt der Begriff Heimat dann, wenn er nicht national gedacht wird. Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen ihre eigenen Wurzeln behalten dürfen und gleichzeitig etwas Gemeinsames entstehen kann.

Nicht entweder das eine oder das andere. Sondern beides.

Eine Heimat ohne Grenzen

Daraus entsteht für mich eine neue Vorstellung von Heimat. Eine, die nicht mehr unbedingt an einen Ort gebunden ist. Eine, die sich mit mir verändern darf. Die mehrere Sprachen sprechen kann. Unterschiedliche Menschen und Kulturen aufnehmen kann. Rituale aus verschiedenen Ländern verbinden kann.

Eine Heimat, die nicht sagt: Hier gehörst du hin.
Sondern: Hier darfst du sein.

Meine Vision ist deshalb eine flexible Heimat. Eine Heimat ohne klare Grenzen. Nicht heimatlos. Sondern im Gegenteil: Eine Heimat, die so weit werden darf, dass sie vieles gleichzeitig aufnehmen kann.

Österreich kann darin sein. Belgien. Spanien. Die Philippinen. Auch Togo und Afghanistan. Menschen, die ich liebe. Erinnerungen. Natur. Rituale. Meine Werte.

Und irgendwann immer mehr auch einfach: Ich selbst.

Denn je mehr sich mein äußeres Leben verändert, desto wichtiger wird mir mein inneres Zuhause – dieser Platz in mir, den ich überallhin mitnehmen kann.

Vielleicht geht es bei Heimat am Ende genau darum: Die äußere Heimat darf sich verändern. Sie darf kommen und gehen. Aber je näher ich meinem inneren Zuhause komme, desto weniger bin ich davon abhängig, dass außen alles bleibt, wie es ist.

Vielleicht muss ich Heimat gar nicht mehr suchen.
Vielleicht ist sie längst da.

In mir.

Eine Heimat, die bleibt.

Darin liegt auch meine Hoffnung: Wenn Menschen mehr bei sich selbst ankommen, müssen sie weniger vehement festhalten und sich weniger abgrenzen.

Wer seinen eigenen Platz kennt, muss ihn nicht unbedingt gegen andere verteidigen. Heimat kann dann wachsen und andere mit einschließen, ohne dass jemand Angst haben muss, die eigene zu verlieren.

LUMA – It begins in you.

Mini Übung
Nimm dir ein paar ruhige Minuten und frage dich:
Was gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein – unabhängig von einem bestimmten Ort?
Was davon kann ich überallhin mitnehmen?
Halte kurz inne.
Vielleicht entdeckst du dabei, dass ein Teil deines Zuhauses längst in dir ist.

Reflexionsfrage
Kann ich mich auch mit mir selbst ganz allein zuhause fühlen – ohne dass es dafür etwas im Außen braucht?

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