EINFACHHEIT
Als mein Mann und ich vor vielen Jahren auf die Philippinen ausgewandert sind, ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie positiv sich Einfachheit und Minimalismus auf mein Leben und mein Wohlbefinden auswirken.
Vor unserer Abreise haben wir unser gesamtes Hab und Gut auf einem kleinen Flohmarkt in unserer Wohnung für wenig Geld an Freunde verkauft.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie befreiend es war, mich von all diesem „Besitz“ zu trennen, der mir im Grunde nie besonders viel bedeutet hatte. Das Abenteuer, das vor uns lag, war so viel präsenter. In diesem Moment spürte ich, wie wenig ich eigentlich an Dingen hing.
Eine Freundin sagte mir kürzlich, dass sie bis heute nicht nachvollziehen kann, wie leicht uns dieser Schritt damals gefallen ist.
Wie viel brauchen wir wirklich?
Ich habe kein einziges Kleidungsstück vermisst. Im Gegenteil: Ich liebte dieses einfache Leben auf der tropischen Insel.
Zwei T-Shirts.
Zwei Shorts.
Zwei Bikinis.
Ein Tauchshorty.
Ein paar Flip-Flops.
Mehr brauchte ich nicht.
Einmal verbrachten wir ein Wochenende in Manila. Wir wollten in ein Restaurant, durften es aber nicht betreten, weil wir keine geschlossenen Schuhe trugen. Also suchten wir uns ein anderes. Auch dort hat es geschmeckt.
Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie ich oft stundenlang mit dem philippinischen Sohn einer unserer Angestellten am Strand gespielt habe. Aus Steinen, Muscheln, Blättern und Blüten legten wir stundenlang kleine Mosaike in den Sand. Bis heute denke ich sehr gerne daran zurück.
Als wir nach Österreich zurückkehrten, hatten einige unserer Freunde bereits Kinder. Ihre Wohnzimmer waren häufig überladen mit Plastikspielzeug, das meiste davon schien die Kinder schon nach kurzer Zeit zu langweilen.
Was für ein Kontrast.
Seit dieser Zeit sehe ich den Konsum in unserer Gesellschaft bewusster. Denn jedes Ding nimmt nicht nur Platz ein. Es will gekauft werden. Gepflegt. Gesucht. Repariert. Aufgeräumt. Und irgendwann auch wieder entsorgt.
Das heißt nicht, dass ich völlig immun gegen Konsum bin. Natürlich macht mir ein schönes Möbelstück oder ein neues Sportgerät Freude.
Aber wenn ich mir immer wieder bewusst die Frage stelle: Brauche ich das wirklich? Dann verändert sich etwas.
Macht Besitz wirklich freier?
Wir setzen Besitz so gerne mit Freiheit gleich. Aber ist das wirklich unsere eigene Überzeugung? Oder sind wir so geprägt worden?
Werbung macht uns diese Verbindung jedenfalls ständig vor. Sie verspricht uns, dass wir mit dem Kauf eines neuen Autos gleich ein ganzes Paket Freiheit mitgeliefert bekommen.
Doch was kaufen wir tatsächlich?
Einen Kredit.
Eine teure Versicherung.
Regelmäßige Servicekosten.
Reparaturen.
Und am Ende binden uns genau diese Begleiterscheinungen noch stärker an Arbeit und den Druck, Geld verdienen zu müssen. Bedeutet das wirklich Freiheit?
„Besitz ist Last“, hat mein Vater früher oft gesagt. Und er hatte recht.
Mein Vater war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Trotzdem war es ihm nie besonders wichtig, viele Dinge zu besitzen. Er lebte gut, aber im Vergleich zu vielen seiner Freunde hielt er erstaunlich wenig von Statussymbolen und ständigem Erwerb.
Nicht alles, was wir uns leisten können, müssen wir uns auch leisten. Und nicht alles, was nach Freiheit aussieht, macht uns tatsächlich freier.
Komplex oder kompliziert?
Mein Leben ist heute sicherlich komplexer als damals auf den Philippinen. Aber nicht alles, was komplex ist, muss auch kompliziert sein.
Und wie oft mache ich es mir selbst komplizierter, als es notwendig wäre? Vor allem in meinem Kopf.
Durch Denkschleifen. Durch Annahmen. Durch das ständige Abwägen aller möglichen Folgen.
Was wäre, wenn ...?
Aber vielleicht ...?
Und was, wenn doch ...?
Natürlich können wir nicht jede Entscheidung vereinfachen. Das Leben ist komplex. Aber ganz ehrlich: Wie oft machen wir es zusätzlich unnötig kompliziert?
Heute weiß ich, dass ich meinen Geist immer wieder daran erinnern kann, nach einer einfachen und vielleicht sogar eleganten Lösung zu suchen, statt mich immer weiter in komplizierten Theorien und Annahmen zu verstricken.
Wir müssen nicht unser ganzes Leben lösen. Manchmal reicht es, uns um den nächsten Moment zu kümmern.
Weglassen, statt immer hinzufügen
Wenn ein Problem auftaucht, reagieren wir oft automatisch mit denselben Fragen:
Was muss ich noch tun?
Was brauche ich noch?
Was könnte ich noch optimieren?
Aber müssen wir ständig etwas erreichen oder beweisen? Könnten wir unseren Fokus nicht öfter auf das richten, was bereits da ist?
Und uns sogar fragen: Was kann weg?
Ein Termin.
Eine Verpflichtung.
Ein selbst auferlegter Druck.
Eine Diskussion.
Ein Kleidungsstück.
Eine Gewohnheit.
Eine Erwartung an mich selbst.
Doch um etwas weglassen zu können, muss ich zuerst erkennen, was für mich unwesentlich ist.
An vieles, was unser Leben füllt, haben wir uns so sehr gewöhnt, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, ob wir es überhaupt noch brauchen. Ob es unser Leben nur füllt oder wirklich erfüllt.
Einfachheit beginnt mit dem Innehalten.
Was ist mir wirklich wichtig?
Dient mir das noch?
Brauche ich das wirklich?
Oder macht es mein Leben nur voller, ohne es reicher zu machen?
Erst wenn ich klar sehe, was ich eigentlich gar nicht brauche, was mich unnötig belastet oder mein Leben komplizierter macht, kann ich mich bewusst dazu entscheiden, es wegzulassen.
Weglassen, ohne etwas zu vermissen
Ich selbst habe die Freiheit des Loslassens zum Beispiel beim Thema Alkohol gespürt.
Früher gehörte Alkohol für mich ganz selbstverständlich zu vielen Momenten dazu. Zum Essen. Zum Feiern. Zu einem gemütlichen Abend. Und ganz besonders zu sozialen Events – auch, weil Alkohol für mich damals irgendwie zum Dazugehören gehörte.
Heute fühlt sich das Weglassen für mich überhaupt nicht mehr nach Verzicht an. Sondern nach Freiheit.
Kein Kater.
Kein Überlegen mehr: Kann ich noch Auto fahren?
Keine Reue über Dinge, die ich gesagt habe, aber eigentlich gar nicht so meinte. Oder über emotionale Reaktionen, die ich nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Und keine Feste oder gesellschaftlichen Anlässe mehr, die ich mir erst „schön trinken“ muss.
Was mich selbst daran am meisten erstaunt: Mein Bedürfnis nach Alkohol ist mittlerweile komplett verschwunden. Ich hätte früher nie gedacht, dass das einmal so sein würde.
Ich musste mir den Alkohol nicht verbieten. Ich musste auch nicht ständig gegen den Wunsch danach ankämpfen. Irgendwann war er einfach nicht mehr wichtig.
Und genau das empfinde ich heute als große Freiheit.
Nicht, weil ich mir etwas wegnehme. Sondern weil ich es nicht mehr brauche.
Wenn Loslassen mutiger ist als Durchhalten
Oft halten wir an Beziehungen, Projekten oder Entscheidungen fest, weil wir bereits so viel investiert haben. Zeit. Geld. Energie.
Und manchmal setzen wir uns genau deshalb unter Druck, weiterzumachen. Schließlich haben wir schon so viel hineingesteckt.
Unser Gehirn möchte vergangene Investitionen rechtfertigen. Und so legen wir manchmal noch mehr Zeit, noch mehr Energie oder noch mehr Geld in etwas hinein, das eigentlich längst nicht mehr zu uns passt.
Eine einfache Frage, die für solche Situationen sehr hilfreich ist: Wenn ich heute neu anfangen würde – ohne Vorgeschichte und ohne all das, was ich bereits investiert habe – würde ich mich noch einmal dafür entscheiden?
Wenn die ehrliche Antwort Nein lautet, kann diese Erkenntnis unglaublich befreiend sein. Denn das, was wir bereits investiert haben, bekommen wir nicht dadurch zurück, dass wir noch mehr investieren.
Das gilt für mich sogar für Beziehungen, die einmal sehr wertvoll für mich waren. Menschen verändern sich. Ich verändere mich. Und manchmal passt etwas, das früher einmal richtig war, irgendwann einfach nicht mehr zu meinem Leben.
Dann kann es notwendig sein, einen Menschen in Liebe loszulassen. Ohne Groll. Ohne Bitterkeit. Ohne die gemeinsame Zeit abzuwerten. Auch dieses Loslassen kann sich sehr erleichternd anfühlen.
Mut bedeutet nicht immer, weiterzumachen.
Manchmal bedeutet Mut, ehrlich genug zu sein, um aufzuhören.
Weniger tun. Mehr Pause.
Gerade weil unser Leben heute so komplex ist, brauchen wir Phasen, in denen wir gar nichts tun müssen. Pausen, in denen nichts erledigt werden muss.
In denen wir nicht noch etwas erreichen, lernen oder optimieren müssen. Einfach nur sein. Kein Handy. Keine Serie. Einfach nur Pause.
So oft versuchen wir, unser Leben zu verbessern oder zu bereichern, indem wir noch etwas hinzufügen:
Noch einen Kurs.
Noch eine Reise.
Noch eine Aufgabe.
Und irgendwann brauchen wir einen Kurs, um zu lernen, wie wir mit all dem wieder zur Ruhe kommen.
Manchmal liegt die einfachere Lösung darin: Nicht noch etwas hinzufügen. Sondern etwas weglassen. Oder einfach genießen, was gerade da ist. Heute. Jetzt.
Der gegenwärtige Moment fragt nicht: Was brauche ich noch? Sondern: Was ist bereits da?
Die Freiheit im Einfachen
Ich spüre von Jahr zu Jahr mehr, wie sehr Verzicht für mich Freiheit bedeutet.
Weniger Dinge bedeuten mehr Raum.
Weniger Termine bedeuten mehr Pausen.
Weniger Müssen bedeutet mehr Zeit.
Weniger Gedanken darüber, was wir noch alles tun sollten, schafft mehr Raum für das, was wesentlich ist.
Wir brauchen nicht immer mehr, um ein erfüllteres Leben zu haben.
Einfachheit heißt für mich nicht, weniger vom Leben zu haben. Sondern weniger zwischen mich und das Leben zu stellen.
LUMA – it begins in you.
MINI-ÜBUNG
Nimm dir etwas aus deinem Leben vor, bei dem du dich fragst, ob du es wirklich brauchst.
Das kann ein Gegenstand sein.
Eine Gewohnheit.
Eine Verpflichtung.
Ein Termin.
Oder etwas, das du immer wieder tust.
Halte kurz inne und frage dich:
Bringt mich das mehr zu mir – oder weiter von mir weg?
Gibt mir das Energie – oder kostet es mich im Endeffekt mehr Energie?
Würde ich es vermissen, wenn es nicht mehr da wäre?
Mache ich das, weil ich es wirklich will – oder weil ich glaube, es tun zu müssen?
Macht es mein Leben reicher – oder nur voller?
Beobachte, was passiert, wenn du beginnst, bewusst hinzuschauen.
Reflexionsfrage:
Was in meinem Leben könnte ich weglassen, ohne wirklich etwas zu verlieren?