Egal, welches Thema mich gerade beschäftigt, irgendwie hat es immer wieder mit Ehrlichkeit zu tun.
Schon lange spüre ich, dass Ehrlichkeit einer meiner wichtigsten Werte ist. Ich habe mich selbst lange als sehr ehrliche Person eingeschätzt und Ehrlichkeit von Menschen, die mir nahestehen, als Grundvoraussetzung angesehen.
Doch je genauer ich hinschaue, desto öfter nehme ich wahr, dass ich diesen Wert selbst nicht immer so lebe, wie ich es eigentlich gerne tun würde. Oft glaubte ich, ehrlich zu sein. Aber beim genaueren Hinschauen begann ich etwas anderes zu sehen. Es geht dabei weniger um große Lügen als um kleine alltägliche Momente, in denen ich immer wieder dazu neige, mir selbst und anderen etwas vorzumachen.
Ehrlichkeit beginnt mit mir selbst
Wenn mein konkretes Handeln nicht mit meinen inneren Werten übereinstimmt, verliere ich Energie und Selbstachtung. Doch wie kann ich diese Kluft zwischen Wissen und Handeln kompromisslos schließen? Nur, indem ich meine Schatten beleuchte. Warum fällt es uns immer wieder so schwer, uns mit unseren Schattenseiten zu beschäftigen?
Kürzlich habe ich eine Aussage gehört, die bei mir hängen geblieben ist:
Wir selbst sind immer das Problem – aber wir sind auch die Lösung.
Dieser Satz sagt für mich viel. Vor allem erklärt er, warum uns das Hinschauen oft so schwerfällt. Wer will sich schon eingestehen, dass er selbst Teil des Problems ist? Wie leicht ist es, die Ursache nach außen zu verlagern und den Grund für unsere Schwierigkeiten bei anderen zu suchen.
Doch genau darin liegt auch die Chance: Wenn ich selbst Teil des Problems bin, kann ich auch etwas verändern.
Glauben konnte ich das allerdings erst, als ich angefangen habe, Ehrlichkeit noch viel bewusster und konsequenter zu leben. Seitdem komme ich Lösungen oft erstaunlich schnell näher.
Aber diese Umsetzung verlangt nicht nur Mut sondern auch Übung. Wie ein Muskel, den ich trainiere. Jeden Tag. Immer wieder.
Wann wir gelernt haben, uns zu verstellen
Warum und wann habe ich überhaupt damit begonnen, eine andere Version von mir zu zeigen? Eine, die nicht meinem Inneren entspricht?
Vieles lernen wir sehr früh, weil wir als Kinder auf Zugehörigkeit und Sicherheit angewiesen sind.
Wenn ein Kind immer wieder vermittelt bekommt:
„Mach keinen Ärger.“
„Was sollen die anderen denken?“
„Sei nicht so empfindlich.“
„Das gehört sich nicht.“
„Darüber spricht man nicht.“
dann lernt es nicht unbedingt: Ich darf nicht ehrlich sein. Es lernt viel subtiler: Bestimmte Seiten von mir sind erwünscht. Andere besser nicht.
Und irgendwann brauchen wir dafür gar keinen anderen Menschen mehr. Wir übernehmen diese Kontrolle selbst. Dann fragen wir uns ganz automatisch:
Wie komme ich an?
Was darf ich sagen?
Was könnte Konflikt auslösen?
Welche Version von mir wird akzeptiert?
Und genau dadurch entsteht diese Diskrepanz zwischen dem Menschen, der ich bin, und dem Menschen, den ich zeige. Und irgendwann wissen wir selbst nicht mehr ganz genau:
Was davon bin eigentlich ich – und was davon habe ich gelernt zu sein?
Zuerst muss ich überhaupt wahrnehmen, was in mir tatsächlich los ist. Nur dann kann ich beginnen, mich bewusst so zu zeigen, wie ich wirklich bin. Mit meinen Lichtseiten, meinen Schattenseiten, meinen Wünschen, meiner Verletzlichkeit und auch meinen Grenzen.
Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass ich meiner inneren Wahrheit am nächsten komme, wenn ich in meinen Körper hineinspüre. Mein Körper zeigt mir immer wieder sehr deutlich, wo meine Wahrheit liegt. Ich muss nur zuhören. Viel mehr meinem Körper als meinem Verstand.
Je mehr ich meinen Körper miteinbeziehe, bevor ich Entscheidungen treffe, desto besser stimmt mein Verhalten mit dem überein, was ich in mir als richtig ansehe. Auf diese Weise kann ich beginnen, meine Werte nicht mehr nur zu kennen, sondern sie auch zu verkörpern.
Sekundäre Werte
In einem Kurs von Veit Lindau habe ich erstmals von sogenannten sekundären Werten gehört. Hinter den Werten, die ich bewusst benennen kann, liegen oft noch andere Werte, Bedürfnisse oder Prägungen. Sie wirken, ohne dass sie uns bewusst sind, und können unser Verhalten gerade deshalb maßgeblich beeinflussen.
Vermutlich geben auch sie mir eine Antwort auf die Frage, warum zwischen der Ehrlichkeit, die ich gerne leben möchte – gerade weil sie einer meiner wichtigsten Werte ist – und der Ehrlichkeit, die ich tatsächlich lebe, immer wieder eine Diskrepanz besteht.
Vor allem dann, wenn es schwierig wird und der Druck von außen steigt, kommen diese darunterliegenden Werte besonders deutlich zum Vorschein.
Was bedeutet das konkret?
Ich habe für mich erkannt, dass meine Handlungen lange Zeit von einem sehr starken Bedürfnis nach „Harmonie“ und „gemocht zu werden“ beeinflusst wurden.
Wenn ich zum Beispiel wusste, dass in einer Gruppe die vorherrschende Meinung eine andere war als meine, habe ich in der Vergangenheit oft geschwiegen.
Warum?
Nicht, weil ich das Gesagte für richtig empfand. Sondern weil ich keine Konfrontation und keine Disharmonie wollte. Mein Harmoniebedürfnis hat meinem Wert der Ehrlichkeit entgegengewirkt.
Ich wusste genau, wo ich stand und was meine Meinung dazu war. Aber ich habe sie nicht konsequent gelebt.
Mir war lange nicht bewusst, dass ein solches Schweigen nicht einfach „neutral sein“ bedeutet. Heute sehe ich, dass Schweigen durchaus eine Wirkung haben kann. Es lässt eine bereits vorherrschende Meinung unwidersprochen stehen und kann sie dadurch sogar bestärken.
Die Lauten und Starken bekommen dadurch noch mehr Raum.
Wenn ich nicht widerspreche, kann mein Schweigen vom Gegenüber sogar als Zustimmung verstanden werden. So kann ich unbewusst eine Meinung oder ein Verhalten fördern, das eigentlich meinen wichtigsten Werten widerspricht.
Diese Erkenntnis war für mich ziemlich unbequem. Denn plötzlich ging es nicht mehr nur darum, zu wissen, welche Werte mir wichtig sind. Sondern darum, sie auch dann zu leben, wenn es unbequem wird.
Ehrlichkeit hat ihren Preis
In den letzten Jahren habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass meine bewusste Entscheidung, Ehrlichkeit konsequenter zu leben, auch ihren Preis hat.
Wenn ich ehrlich lebe, riskiere ich mehr Konflikte. Es gibt auch Menschen in meinem engen Umfeld, die meine Haltung nicht verstehen oder gar nicht gut finden. Ich musste lernen, dieses Gefühl auszuhalten und zu akzeptieren.
Denn Werte zu leben, bedeutet eben nicht nur, mir schöne Werte auszusuchen und mich mit ihnen zu schmücken. Es bedeutet auch, Entscheidungen zu treffen, die mich etwas kosten. Von Dingen, Menschen, Aktivitäten und Gewohnheiten loszulassen, die heute nicht mehr zu mir und meinem Leben passen.
Nicht jede Beziehung hält ewig. Ich verändere mich, mein Leben verändert sich und damit verändern sich auch Beziehungen. Ich muss nicht an allem festhalten, was einmal gut und passend war. Auch wenn wir in der Vergangenheit etwas Wertvolles geteilt haben, kann ich mich heute liebevoll von manchen Menschen verabschieden.
Vielleicht ist genau das die Gratwanderung: Unsere Werte geben uns Orientierung. Aber sie nehmen uns die schwierigen Entscheidungen nicht ab. Und manchmal steht ein Wert gegen einen anderen.
Ehrlichkeit gegen Harmonie.
Ehrlichkeit gegen „gemocht werden“.
Natürlich wäre es manchmal leichter zu sagen: „Ach, passt schon …“ und die Beziehung weiterzuführen wie bisher. Aber wie ehrlich bin ich dann zu mir selbst? Und wie glücklich macht es mich wirklich, wenn ich mich verbiege?
Ehrlichkeit braucht Feingefühl
Kompromisslose Ehrlichkeit braucht Feingefühl. Ich möchte eine freundliche und respektvolle Form von Ehrlichkeit leben. Ehrlich sein, ohne rücksichtslos oder brutal zu werden.
Wie kann ich meine Klarheit leben und meine Grenzen setzen, ohne verletzend oder überheblich zu sein?
Oft komme ich an den Punkt, an dem ich mich frage: Ist meine Ehrlichkeit gerade wirklich angebracht – oder könnte sie destruktiv und verletzend sein?
Was mir dabei hilft, ist die Frage nach der Quelle. Was steckt gerade hinter meinem Bedürfnis, etwas auszusprechen?
Will ich wirklich etwas sichtbar machen?
Will ich eine Grenze setzen?
Oder möchte ich insgeheim, dass der andere sich verändert?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Jemand erzählt mir von einer Entscheidung, die er für sein Leben getroffen hat, und ich sehe das völlig anders. Ich darf sagen: „Ich würde das anders machen.“ Das ist meine Wahrheit.
Aber muss ich deshalb versuchen, den anderen davon zu überzeugen? Muss ich ihn von meiner Sicht überzeugen oder ihn sogar vor seiner eigenen Entscheidung „retten“? Nein.
Ich kann meine Wahrheit aussprechen. Aber ich kann nicht verlangen, dass der andere sie annimmt.
Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Grenzen zwischen Ehrlichkeit und Einmischung: Ehrlichkeit bedeutet, meine Wahrheit auszusprechen. Einmischung beginnt dort, wo ich daraus die Wahrheit des anderen machen möchte.
Früher habe ich meine Wahrheit oft lange unterdrückt. Ich wollte dazugehören, mich nicht unbeliebt machen, nicht anecken. Irgendwann kam dann meistens der Punkt, an dem es zu viel wurde. Die Wahrheit platzte aus mir heraus. Laut, wütend und nicht selten respektlos oder verletzend.
Oder ich ging ins andere Extrem: Ich versuchte, meine Wahrheit mit aller Kraft zu verteidigen. Erklärte mich immer wieder. War verzweifelt, wenn andere mich nicht verstanden. Denn ich hatte begonnen, mich mit meiner Wahrheit zu identifizieren.
Heute arbeite ich daran, meine Wahrheit von Anfang an klar und respektvoll auszusprechen – ohne Drama. Und gleichzeitig andere Wahrheiten neben meiner stehen zu lassen. Auszuhalten, dass Menschen anders denken, anders fühlen und andere Entscheidungen treffen.
Natürlich gelingt das nicht immer. Schon gar nicht unter Druck. Immer wieder erlebe ich Situationen, in denen mich alte Muster einholen.
Aber im Unterschied zu früher erkenne ich sie heute. Auch das ist ein Fortschritt.
Ehrlich sein – auch wenn jemand enttäuscht ist
Eine Prägung, die ich nur schwer ablege, ist die Verantwortung, die ich immer wieder für die Gefühle anderer übernehme.
„Enttäusche deine Mutter nicht.“ Diesen Satz habe ich als Kind oft von meinem Vater gehört. Und ich merke, dass er bis heute etwas in mir auslöst.
Aber bin ich wirklich dafür verantwortlich, dass andere mit meinen Entscheidungen zufrieden sind? Oder bin ich nicht vielmehr mir selbst gegenüber dafür verantwortlich, ehrlich zu sein mit dem, was für mich funktioniert – und was nicht?
Kann ich meine Ehrlichkeit leben, auch wenn ich dadurch jemanden enttäusche?
Ja, das geht. Mit Freundlichkeit und Mitgefühl.
Ehrlichkeit bewusst verkörpern
Was unsere Gesellschaft ausmacht, ist unser Verstand und unser Wissen. Wir wissen so viel. Wir haben tausende Bücher gelesen und unzählige Kurse gemacht. Doch wie viel von dem, was wir wissen, verkörpern wir tatsächlich in unserem täglichen Leben?
Und zwar nicht nur dann, wenn es leicht ist, sondern vor allem auch unter Druck, wenn es eng wird. Denn genau dann zeigt sich, wie wichtig uns unsere Werte tatsächlich sind.
Für mich beginnt Verkörperung mit Bewusstsein. Mit dem ehrlichen Innehalten:
Was fühle ich wirklich?
Was denke ich wirklich?
Was möchte ich wirklich?
Und wo handle ich trotzdem anders?
Denn Ehrlichkeit ist für mich nicht das Bild, das ich von mir habe. Ehrlichkeit zeigt sich darin, wie ich handle, wenn es unbequem wird.
Je bewusster ich die kleinen Momente wahrnehme, in denen ich mich früher verbogen habe, desto eher kann ich mich heute dafür entscheiden, meinen Wert der Ehrlichkeit tatsächlich zu leben.
Nicht perfekt. Nicht immer. Aber immer öfter.
LUMA – it begins in you.
MINI-ÜBUNG
Beobachte dich selbst:
Wo und warum verstelle ich mich?
Wo sage ich etwas anderes, als ich eigentlich meine?
Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine?
Wo halte ich meine Wahrheit zurück, um jemanden nicht zu enttäuschen?
Wo identifiziere ich mich mit meiner Wahrheit und versuche, andere davon zu überzeugen?
Und was würde ich sagen oder tun, wenn ich keine Angst davor hätte, wie andere darauf reagieren?
REFLEXIONSFRAGE
Bin ich wirklich ehrlich – oder halte ich mich für ehrlich, weil Ehrlichkeit zu meinem Selbstbild gehört?