SELBSTBEWUSSTSEIN
Ich habe als Kind und Jugendliche enorm darunter gelitten, dass ich tief in mir sehr ruhig und schüchtern war.
Ein Referat vor der Klasse zu halten, war ein Gräuel für mich. Ich erinnere mich noch gut an ein Referat über Südafrika und die Apartheid. Das Thema hat mich fasziniert, die Vorbereitung hat mich mit großer Freude erfüllt. Doch vor dem Auftritt hatte ich eine riesengroße Angst.
In meiner Erinnerung war der Auftritt eine Katastrophe: Es fühlte sich an als ob mein ganzer Körper zitterte, meine Stimme wahrscheinlich auch, ich verlor den Faden und ließ Teile aus.
Ich war mir damals durchaus bewusst, dass der Inhalt gut war. Und ich wusste auch, dass ich keine begnadete Vortragende war. Warum konnte ich das nicht einfach akzeptieren? Warum fühlte ich mich so ungenügend? Warum war es mir so unglaublich wichtig, wie die anderen mich sahen und wie sie mich bewerteten?
Mein Fokus lag nicht auf dem, was ich konnte, was gut war und was ich zu sagen hatte. Er lag nur auf meiner Schwäche: dem Vortrag. Schade.
Immer wieder wünschte ich mir die Extrovertiertheit meiner Mutter. Ich fühlte mich unfähig. Ich bewunderte und beneidete Menschen, die selbstsicher auftraten und scheinbar mühelos im Mittelpunkt stehen konnten. Ich wollte unbedingt auch so sein.
Unser Bild von Selbstbewusstsein
Für mich war lange klar: Menschen, die äußerlich selbstbewusst wirkten, ohne Angst in der Öffentlichkeit sprachen, sich gerne in den Mittelpunkt stellten und immer wieder ein bisschen laut waren, waren auch innerlich selbstbewusst.
Und wenn ich heute andere Menschen danach frage, scheint es vielen ähnlich zu gehen. Wenn wir an selbstbewusste Menschen denken, denken wir schnell an jene die mit geschwellter Brust durchs Leben gehen. Und wir glauben schnell, denen geht es besser als uns, weil sie keine Selbstzweifel haben.
Und genau deshalb habe ich mich so sehr nach diesem „gesunden Selbstbewusstsein“ gesehnt. Jahrelang habe ich versucht, mir ein solches aufzubauen. Wie habe ich das gemacht?
Ich glaube, ein Teil davon ist ganz natürlich gewachsen – durch Ausprobieren, Hinfallen und wieder Aufstehen, durch Lebenserfahrung. Vieles habe ich mir aber auch über „Erfolge“ erarbeitet. Mit jedem äußeren Erfolg wuchs mein Gefühl, wertvoller zu sein – und damit auch mein äußeres Selbstbewusstsein.
Eine Zeitlang fühlte ich mich sehr wohl mit dieser Veränderung. Mein Selbstbewusstsein half mir, mich besser zu behaupten, Entscheidungen zu treffen, mehr Respekt zu bekommen, mit Schwierigkeiten umzugehen und auch Grenzen zu setzen.
Aber es war auch immer wieder anstrengend, diese Version von mir zu leben. Denn sie war stark von äußerer Bewertung und Erfolgsdruck geprägt. Irgendwann begann ich mich zu fragen, warum es eigentlich so stark der Erfolg war, der für mich die Grundlage meines Selbstwertes und meines Selbstbewusstseins darstellte.
War diese nach außen selbstbewusst wirkende Frau wirklich ich? Oder war mein Verhalten vielmehr etwas Erlerntes, das mir half, mich in unserer westlichen Gesellschaft besser zu behaupten? Glaubwürdiger, erfolgreicher oder beliebter zu sein? Heute würde ich sagen: eher zweiteres.
Ich hatte sehr selbstbewusste Menschen wie meine Mutter und erfolgreiche Menschen wie meinen Vater als Vorbilder genommen und viel Energie darauf verwendet, selbst diesen Rollen zu entsprechen.
Inneres Selbstbewusstsein
Irgendwann begann ich mich zu fragen: Was genau ist dieses „Ich“, auf das ich so viel Selbstbewusstsein aufbaue?
Selbstbewusstsein bekommt dadurch für mich eine andere Bedeutung. Es hat heute viel mehr mit Selbsterkenntnis zu tun. Immer weniger geht es für mich darum, mein Selbst zu stärken, sondern vielmehr darum, es zu hinterfragen und zu erforschen. Es bedeutet, mich nicht von meinen eigenen Gedanken und Emotionen beherrschen zu lassen, sondern mich selbst bewusst führen zu können.
Was mir die Auseinandersetzung mit diesem inneren Selbstbewusstsein vor allem gezeigt hat, ist, dass äußeres Selbstbewusstsein nicht unbedingt auch innere Stimmigkeit bedeutet. Menschen, die nach außen sehr selbstbewusst wirken, können innerlich zutiefst unsicher sein und genauso mit Selbstzweifeln kämpfen. Äußeres Selbstbewusstsein kann manchmal sogar eine Art Schutz sein – eine Rolle, die innere Unsicherheit kaschiert.
Diese neue Perspektive hat für mich vieles verändert.
Selbstsicherheit und Eigennutz
Erfolg und Selbstsicherheit gehen in unserer Gesellschaft oft Hand in Hand.
Früher war Selbstsicherheit für mich mehr als erstrebenswert. Heute sehe ich dahinter auch eine Schattenseite, die ich aus meinem eigenen Leben sehr gut kenne.
Ist die Haltung der Selbstsicherheit nicht manchmal auch stark von Eigennutz geprägt?
Wer sich gut verkauft, gilt als erfolgreich.
Wer seine Karriere maximiert, gilt als ambitioniert.
Wer „seinen Vorteil“ sucht, gilt als clever.
Wer sich durchsetzt, gilt als stark.
Wer dagegen zurücktritt, zuhört oder anderen Raum lässt, wirkt schnell weniger sichtbar und uninteressant.
Warum ist Eigennutz in unserer Gesellschaft immer wieder so positiv besetzt und weitgehend salonfähig?
Natürlich ist es wichtig, eigene Bedürfnisse zu kennen, Grenzen zu setzen und für sich einzustehen. Die Frage ist für mich aber: Wann wird aus Selbstsicherheit Selbstbezogenheit?
Mache ich mit meiner Selbstsicherheit vielleicht auch andere kleiner, damit ich selbst größer wirken kann? Und wann wird aus gesundem Eigennutz eigentlich Rücksichtslosigkeit?
Vielleicht haben wir Selbstbewusstsein zu lange mit Durchsetzungsvermögen verwechselt. Mit Ellbogentechnik. Mit der Fähigkeit, die eigenen Interessen zu behaupten, sich zu verkaufen und sich seinen Platz zu nehmen.
Aber muss ich meinen Platz wirklich auf Kosten eines anderen einnehmen? Muss ich mich wirklich selbst größer machen, um selbstbewusst zu sein?
Selbstbewusstsein ohne Überhöhung
Heute arbeite ich daran, ein ganz anderes Selbstbewusstsein zu trainieren. Mein Weg dorthin ist Selbstbeobachtung und Bewusstheit. Ich übe mich darin, meinen Körper, meine Gedanken, meine Reaktionen und meine Muster wahrzunehmen. Immer besser zu verstehen, wer ich bin und was mich antreibt.
Und ich merke: Aus dieser Beobachtung entsteht ein neues Selbstvertrauen. Ein ganz anderes als früher.
Ich verbinde Vertrauen in mich selbst heute immer mehr mit der Umsetzung meiner Fähigkeiten. Nicht damit, mir einzureden, dass ich etwas kann, oder damit zu zeigen, was ich kann. Sondern damit, es tatsächlich zu tun. Durch tägliche Übung, Beobachtung und Wiederholung. Und genauso gehört dazu, wahrzunehmen und zu akzeptieren, was ich nicht kann.
Mein kritischster Beobachter bin dabei ich selbst – nicht mein Gegenüber. Ich versuche mich immer wieder zu hinterfragen: Weiß ich das nur – oder lebe ich es auch? Und zwar unabhängig davon, was andere darüber denken.
Und so spüre ich immer mehr: Dieses Selbstbewusstsein braucht keine Überhöhung. Ich kann selbstbewusst und gleichzeitig zurückhaltend sein. Für mich entsteht es heute genau in dieser Balance: mich nicht zu überschätzen, aber mich auch nicht kleinzumachen.
Wenn ich mich selbst kenne, mir meiner Stärken und Grenzen bewusst bin und mir selbst genüge, muss ich meine Fähigkeiten nicht mehr zur Schau stellen. Ich muss auch nicht alles können oder perfekt machen. Ich kann immer wieder sagen: „Ich kann das nicht“ – und mich trotzdem gut fühlen.
Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung, die eine nie zuvor gekannte Leichtigkeit in mein Leben bringt.
Zweifel gehören dazu
Natürlich begegnen mir auch auf diesem Weg immer wieder Zweifel und Unentschlossenheit. Es kommen immer wieder Momente, in denen mir das Vertrauen in mich selbst und meinen neuen Weg fehlt. Aber auch mit diesen Hindernissen versuche ich, einen neuen Umgang zu finden.
Nicht wegdrücken. Hinschauen. Akzeptieren. Nur durch Klarheit und Vertrauen in meinen Weg kann ich ihnen begegnen. Und genauso, wie Zweifel kommen, gehen sie irgendwann auch wieder.
Das stille Selbstbewusstsein
Für mich ist Selbstbewusstsein heute etwas sehr Leises. Ich fühle es, wenn ich sagen kann:
Ich weiß, wer ich bin.
Ich weiß, was ich kann.
Ich weiß auch, was ich nicht kann.
Und ich muss niemandem etwas beweisen.
Vielleicht ist das die Form von Selbstbewusstsein, nach der ich mich als Jugendliche schon gesehnt habe – nur dass ich damals dachte, ich müsste dafür lauter oder erfolgreicher werden.
Heute bedeutet Selbstbewusstsein für mich: Ich muss nicht mehr größer wirken, um mich groß genug zu fühlen.
LUMA – it begins in you.
MINI-ÜBUNG
Beobachte dich selbst:
Wo bin ich mir meiner selbst bewusst?
Wo entsteht mein Selbstbewusstsein durch die Bewertung anderer?
Wo versuche ich, selbstbewusst zu wirken, anstatt mich selbst wirklich zu spüren?
Wo möchte ich anderen etwas beweisen?
Und wo könnte ich heute einfach sagen:
Ich kann das.
Ich kann das nicht.
Und beides ist okay.
REFLEXIONSFRAGE
Wie viel Selbstbewusstsein entsteht in mir – und wie viel durch die Augen anderer?