GEWOHNHEITEN

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Diese Aussage höre ich oft – und wahrscheinlich ist sie nicht ganz falsch. Aber irgendwann im Laufe unseres Lebens kommt wohl jeder in eine Situation, in der er sich von schlechten oder auch lieb gewonnenen Gewohnheiten trennen möchte oder auch muss.

Manche sollten ihre Ernährung umstellen, andere mehr oder weniger Sport treiben. Wieder andere müssen plötzlich alleine reisen, obwohl sie früher so gerne zu zweit unterwegs waren. Und viele stehen irgendwann vor der Herausforderung, sich an ein Leben ohne Kinder im Haus zu gewöhnen, weil diese ausgezogen sind.

Auch in meinem Leben gab es in den letzten Jahren viele unfreiwillige, aber auch freiwillige Veränderungen.

Und wenn mir vor drei Jahren jemand erzählt hätte, von wie vielen Gewohnheiten ich mich innerhalb relativ kurzer Zeit trennen würde – und dass mein Leben dadurch besser und nicht schlechter werden würde –, hätte ich es vermutlich nicht geglaubt.

Gewohnheiten geben Sicherheit

Warum fällt es uns so schwer, Gewohnheiten loszulassen?

Wenn wir ähnliche Gedanken, Emotionen und Handlungen immer wieder wiederholen, entsteht dadurch ein vertrauter Alltag. Und gerade weil er vertraut ist, halten wir ihn unbewusst schnell für richtig. Aber vertraut bedeutet nicht automatisch gut.

Viele Dinge fühlen sich richtig an, einfach weil wir sie gewohnt sind. Weil unsere Eltern oder Freunde es auch so machen. Weil wir schon seit Jahren so leben und deshalb das Gefühl haben, dass unsere Gewohnheiten ein Teil von uns sind. Sie geben uns oft ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit.

Neues dagegen kann sich zunächst falsch oder unangenehm anfühlen – nicht unbedingt, weil es schlecht ist, sondern weil es ungewohnt ist.

Gewohnheiten sind nicht grundsätzlich schlecht. Das Problem ist nicht die Tatsache, dass Dinge automatisch ablaufen. Oft wollen wir ja auch gerne mal auf Autopilot schalten und unserer Intuition vertrauen. Den Unterschied macht, ob wir wahrnehmen, welche Gewohnheiten oder Muster automatisch ablaufen. Erst dann können wir bewusst entscheiden, welche wir mögen, welche uns guttun und welche wir lieber loslassen wollen.

Gewohnheiten sichtbar machen

Viele unserer Gewohnheiten sind so stark verinnerlicht, dass wir sie gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.

Aber eine Gewohnheit zu verändern, gelingt nur dann, wenn wir sie bewusst beobachten und wahrnehmen. Wenn wir uns fragen:
Was tue ich immer wieder?
Wann passiert es?
Was löst es aus?
Welche Konsequenz hat es?

Ich habe zum Beispiel begonnen, meine Gewohnheiten genauer unter die Lupe zu nehmen, als sich meine Mutter zunehmend dementiell veränderte.

Ein Arzt und Freund hielt damals einen Vortrag über Krankheiten in der Familie und darüber, welchen Einfluss genetische Faktoren haben und welchen Einfluss unser Lebensstil und unsere Gewohnheiten haben können.

Er gab mir den Rat, mir die Gewohnheiten meiner Mutter anzusehen, vor allem jene, die Demenz begünstigen können. Ich solle mich fragen, welche davon ich selbst übernommen hatte – und welche davon ich vielleicht verändern könnte.

Das war ein spannender Prozess. Habe ich dadurch die Sicherheit, nicht an Demenz zu erkranken? Natürlich nicht.

Aber ich habe heute das Gefühl, genau durch diese kleinen Veränderungen im Moment mein Bestes zu geben. Nicht nur, weil dadurch die Prognose meiner Zukunft eventuell besser werden könnte, sondern weil mein HEUTE dadurch besser wird. Weniger Schuldgefühle. Weniger innere Dissonanz. Und dadurch fühlt sich das Leben leichter an.

Und die Gewohnheiten? Manche konnte ich schnell und erstaunlich leicht hinter mir lassen. Manche waren etwas hartnäckiger. Bei einigen gibt es noch immer Raum zur Optimierung. Aber keine von denen, die ich tatsächlich komplett abgelegt habe, fehlt mir.

Wir sind nicht unsere Gewohnheiten

Was oft passiert, ist, dass wir uns so stark mit unseren Gewohnheiten identifizieren, dass wir irgendwann glauben, dass sie ein Teil von uns sind. Dass sie zu unserer Identität gehören. Dass wir sie nicht einfach ablegen können.

Wie oft sagen wir: „So bin ich eben.“

Mein Mann war lange Leistungssportler. Schneller, weiter, besser. So hat er von Kindesbeinen an funktioniert. Wenn im Schwimmbad ein halb so alter Triathlet trainierte, wollte er sich natürlich messen. Er gab alles, um schneller zu sein – und kam völlig erledigt nach Hause. Bis vor ein paar Jahren hat er sich extrem mit dieser Leistungs-Rolle identifiziert.

Heute – dazwischen lagen einige schwere Operationen und viel Selbstreflexion – waren wir mit dem Rad unterwegs. Ein herrlicher Tag, eine moderate Tour durch wunderschöne Natur. Ein jüngerer, sehr sportlicher Radfahrer zischt an uns vorbei. Mein Mann dreht sich zu mir um, lächelt mich an, dann in sich hinein – und fährt zufrieden in unserem Tempo weiter.

Und ich weiß: Er ist stolz auf sich. Ich bin es ebenso. Der Drang, mithalten zu wollen, ist vielleicht noch latent da. Aber er muss ihm nicht mehr folgen.

Es war kein einfacher Prozess, aber heute hat er etwas Wunderbares dazugewonnen: Wir nennen es gerne den „Mut zur Mittelmäßigkeit“. Den Mut, nicht immer schneller, weiter und besser sein zu müssen. Und genau dieser Mut nimmt seinem Leben heute so viel Last und Schwere.

Nicht auf Motivation warten

Sehr oft wissen wir ganz genau, welche Gewohnheiten wir eigentlich nicht mehr leben wollen. Und trotz dieses Wissens hindert uns irgendetwas daran, sie loszulassen.

Wir reden uns ein, dass jetzt noch nicht der Moment zur Veränderung ist. Wir warten auf den Moment der Motivation. Aber Motivation verändert sich ständig. Der erste Schritt ist nicht, darauf zu warten, dass man sich bereit fühlt. Der erste Schritt ist, anzufangen.

Veränderung kann nur im Jetzt stattfinden. Das Jetzt ist der Moment, in dem Leben passiert – und damit auch der Moment, in dem Veränderung möglich ist.

Nicht irgendwann. Nicht, wenn ich motivierter bin. Nicht, wenn der perfekte Zeitpunkt kommt. Jetzt.

Veränderung braucht neue Routinen

Wir verändern unsere Gewohnheiten nicht dadurch, dass wir uns vornehmen, jemand anderer zu sein. Wir verändern uns, indem wir anders handeln.

Viele Menschen glauben, dass konkrete Ziele ihre Willenskraft aktivieren und ihnen helfen, neue Gewohnheiten aufzubauen. Aber ein altes Muster lässt sich nicht einfach „wegdenken“. Wir müssen anders handeln. Am besten, indem wir alte destruktive Muster durch neue, konstruktive Gewohnheiten ersetzen.

Viele versuchen auch, eine neue Lebensweise dauerhaft mit Motivation und Willenskraft aufrechtzuerhalten. Doch Motivation kommt und geht, und unsere Willenskraft ist begrenzt. Vielleicht geben deshalb so viele Menschen nach einigen Wochen wieder auf.

Auf meinem Weg haben mir vor allem komplett neue Routinen geholfen. Sie geben mir auch heute Struktur und eine neue Art von Sicherheit. Anfangs fühlte sich vieles komisch an, ich war mir selbst etwas fremd. Aber mit der Zeit begannen die neuen Gewohnheiten, mir mehr zu bedeuten als die alten.

Ich liebe zum Beispiel meine Tasse Tee vor dem Schlafengehen. Früher war es das Glas Rotwein. Viele meiner Freunde können das nicht nachvollziehen, aber heute genieße ich den Tee noch viel mehr als den Rotwein früher. Er schmeckt mir. Und gleichzeitig spüre ich dass er mir gut tut. Genau das Gleiche gilt für Meditation, Yoga, Pausen ohne Telefon … Ich war selbst überrascht, wie schnell ich neue Routinen liebgewonnen habe.

Natürlich gelingen Veränderungen nicht von heute auf morgen. Entscheidend ist die Kontinuität. Nur durch Wiederholung können sich neue Gewohnheiten etablieren. Nicht die Intensität entscheidet darüber, ob ein neues Muster entsteht, sondern die Regelmäßigkeit.

Es geht darum, etwas zu finden, das wir immer wieder tun können und tatsächlich in unser Leben integrieren wollen.

Vielleicht müssen wir alte Gewohnheiten also gar nicht einfach nur loswerden und schon gar nicht gegen sie kämpfen. Vielleicht brauchen wir nur etwas Neues, das uns ebenfalls Sicherheit gibt – eine neue Art von Sicherheit. Eine, die uns nicht festhält, sondern uns guttut.

Das Muster muss nicht sofort verschwinden

Nicht alle alten konditionierten Muster verschwinden automatisch, nur weil wir sie erkennen oder versuchen, sie zu ersetzen. Sie haben eine gewisse Dynamik und können noch eine Zeit lang auftauchen. Der Unterschied ist: Wir sehen sie jetzt.

Wenn ich eine Gewohnheit erkannt habe, habe ich bereits etwas verändert: Ich muss ihr nicht mehr blind folgen.

Nicht jeder Ausrutscher macht ein neues Muster kaputt. Erst wenn wir nicht mehr zurückkehren, wird aus einem Ausrutscher ein altes Muster.

Freiheit beginnt dort, wo die Gewohnheit endet

Für mich ist das Erkennen und Verändern alter Muster immer wieder extrem befreiend.

Erst durch gelebte Veränderungen habe ich erkannt, dass meine Persönlichkeit lange Zeit gar nicht so selbstbestimmt war, wie ich dachte. Sie bestand auch aus einer Ansammlung alter Muster, die nicht unbedingt aus mir selbst kamen, sondern von außen. Mit den Jahren hatten sie sich tief in mir festgesetzt. Ich begann, unbewusst nach ihnen zu denken, zu fühlen und zu handeln. Sie bestimmten mich über lange Zeit, ohne dass ich es wirklich bemerkte.

Die Erkenntnis, dass eine Gewohnheit nicht bestimmen muss, wer ich bin, hat viel verändert. Ich kann eine Gewohnheit haben, ohne sie zu sein. Ich kann ein Muster erkennen, ohne ihm folgen zu müssen. Und ich kann mich entscheiden, etwas zu verändern. Mein Leben wurde dadurch endlich selbstbestimmter.

Loslassen muss nicht Verzicht bedeuten

Wenn wir nur darauf schauen, was wir nicht mehr tun dürfen oder tun sollen, entsteht schnell ein Gefühl von Verzicht und Leere. Wir sehen das, was fehlt, statt das, was dadurch möglich wird.

Ich möchte deshalb meinen Fokus lieber auf das Neue richten. Nicht auf die Gewohnheiten, die ich aufgegeben habe, sondern auf die Lebensqualität, die dadurch entstanden ist.

Nicht auf die Leere, die durch das Weglassen entsteht, sondern auf den Raum für etwas, das mir heute besser entspricht.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Verzicht und Veränderung:
Verzicht fragt: Was darf ich nicht mehr?
Veränderung fragt: Was möchte ich stattdessen erleben?

Manchmal müssen wir etwas loslassen, um Platz für etwas zu schaffen, das wir vorher gar nicht vermisst haben. Und manchmal stellen wir dann überrascht fest:
Das Neue fühlt sich nicht nach Verzicht an. Es fühlt sich nach Mehr an.

Luma – it Begins in you.

 

Mini-Übung
Wähle eine Gewohnheit, bei der du oft denkst: „So bin ich eben.“
Frage dich: Ist das wirklich eine bewusste Entscheidung – oder nur Gewohnheit?
Und dann: Was könnte ich stattdessen ausprobieren?

Reflexionsfrage
Was könnte in meinem Leben entstehen, wenn ich mich nicht auf das konzentriere, was ich loslassen muss, sondern auf das, was ich gewinnen möchte?

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