GEBEN
Während ich über das Geben nachdenke, erreichen uns gerade Bilder aus Nepal und Tibet. Menschen verlieren innerhalb weniger Minuten ihre Häuser, ihre Arbeit, ihr gesamtes Hab und Gut. Eine gewaltige Flut aus Eis, Wasser, Fels und Schlamm hat Dörfer und Infrastruktur mitgerissen.
Die Menschen, die dort leben, haben diese Katastrophe nicht verursacht. Und doch tragen sie die Folgen einer sich verändernden Welt. Ereignisse wie diese machen mich nachdenklicher denn je.
Was kann ich aus meiner privilegierten Position heraus tun? Ist mein Privileg nicht auch eine Verantwortung, zu handeln? In irgendeiner Weise aktiv zu werden oder zumindest zu spenden?
Was kannte eine Spende bewirken?
In Gesprächen mit Freunden fällt mir immer wieder auf, wie sehr uns die eigene Ohnmacht lähmen kann.
„Bei so viel Leid auf der Welt – was kann meine kleine Spende schon verändern?“
Ich kenne diesen Gedanken gut. Ich habe mich selbst lange kaum damit beschäftigt, wie wirksam Spenden sein können. Kürzlich habe ich Leben retten von Peter Singer gelesen. Das Buch hat mich dazu gebracht, meine bisherige Haltung gegenüber dem Geben zu hinterfragen.
Besonders beschäftigt haben mich nicht nur seine ethischen Gedankenanstöße, sondern auch Zahlen und Erkenntnisse von Organisationen wie GiveWell. Sie untersuchen, welche Hilfsprogramme tatsächlich besonders effektiv arbeiten und wo ein zusätzlicher Euro möglichst große Wirkung entfalten kann.
Aktuelle Berechnungen zeigen: Bei besonders kosteneffektiven Programmen können rund 5.000 Euro statistisch betrachtet ein Menschenleben retten. Was, wenn meine Spende also doch mehr bewirken kann, als ich denke?
Natürlich sind solche Berechnungen keine Garantie. Sie beruhen auf Wahrscheinlichkeiten und Schätzungen. Aber sie haben meinen Blick verändert. Aus „Meine Spende ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein“ wird plötzlich: „Vielleicht braucht es gar nicht so viel, um etwas unglaublich Wertvolles zu bewirken.“
Und vielleicht muss ich auch nicht darauf warten, dass alle anderen irgendwann anfangen. Oder auf Handlungen der Regierung. Ich kann auch einfach selbst beginnen, Leben zu retten. Heute.
Was wir über das Geben gelernt haben
Ich selbst habe in meiner Kindheit wenig über das Geben gelernt. Lerne etwas, arbeite, sei unabhängig und schaffe dir etwas. Das wurde mir beigebracht. Geld war etwas, das man verdient, spart und absichert. Es wurde so gut wie gar nicht darüber geredet, dass man eventuell auch irgendwann genug davon hat und an andere weitergeben könnte.
Sparsamkeit galt in meiner Familie als Tugend. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ – so wurde ich erzogen. Sicherheit kam definitiv vor Großzügigkeit. Helfen wurde mir eher als etwas Persönliches vermittelt, nicht als etwas Finanzielles. Für die Familie da sein, Nachbarn und Freunde unterstützen, alten Menschen über die Straße helfen.
Und damit bin ich vermutlich nicht allein. Leistung und Selbstständigkeit waren für viele meiner Generation zentrale Werte. Wir lernten, auf eigenen Beinen zu stehen. Für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen. Weniger lernten wir, Verantwortung füreinander zu tragen.
In unserer Gesellschaft wird die Frage „Was kann ich noch erreichen?“ immer noch sehr großgeschrieben. „Was kann ich weitergeben?“ eher klein.
Singer beschreibt eine Erziehungsidee, die mir gefällt und die wir uns vielleicht auch als Erwachsene verinnerlichen können:
Eine Sparbüchse für AUSGEBEN – Dinge, die ich mir jetzt wünsche oder brauche.
Eine zweite für SPAREN – Geld für größere Wünsche oder Sicherheit für die Zukunft.
Eine dritte für GEBEN – Geld, das bewusst für andere Menschen bzw. gute Zwecke bestimmt ist.
Es geht gar nicht so sehr darum, wie viel, sondern einfach darum, dass Geben genauso selbstverständlich dazugehört wie Sparen und Ausgeben. Ich persönlich hätte gerne früher mehr über die Kultur des Gebens gelernt.
Was ist genug?
Spannend finde ich auch immer wieder, wie wenig wir uns darüber Gedanken machen, wann wir genug haben. Viele Erwachsene haben inzwischen materiell mehr als ihre Eltern je hatten, aber innerlich denken sie weiterhin: „Es könnte irgendwann knapp werden.“
Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum verhältnismäßig wenige Menschen, die überdurchschnittlich viel haben, bereit sind zu geben. Großzügigkeit entsteht meiner Meinung nach selten durch Besitz, sondern vielmehr durch das Gefühl: „Ich habe genug.“
Doch wer in unserer Gesellschaft hat je das Gefühl, genug zu haben?
In unserer Konsumwelt gibt es kein Genug. Die Wirtschaft will mehr und mehr und mehr. Sie fragt ständig: „Was könnte ich mir noch leisten?“
Dabei könnte die Frage nach dem „Genug“ so hilfreich für unsere eigene Zufriedenheit sein. Sie könnte unseren Fokus stärker auf das lenken, was wir bereits haben, statt auf das, was wir noch alles brauchen.
Und wie schnell wir im Alltag über unser „Genug“ hinweggehen, zeigt ein Beispiel, das Singer in Bezug auf unser Konsumverhalten verwendet.
Wir sitzen in einem Café. Der Kellner kommt vorbei und fragt: „Darf es noch ein Getränk sein?“ Auch wenn wir weder Durst noch Lust darauf haben, sagen wir oft automatisch ja und bestellen noch eines.
Wie viel Geld geben wir so jeden Monat aus, ohne uns überhaupt zu fragen: Brauche ich das wirklich noch?
Wie viel davon ist eigentlich unser Verdienst?
„Ich habe für mein Geld hart gearbeitet. Es gehört mir.“ Noch ein Argument aus Leben retten, das ich schon oft gehört habe.
Natürlich arbeiten wir oft sehr hart. Aber wie viel von dem, was wir haben, ist tatsächlich ausschließlich unsere eigene Leistung? Und wie viel ist auch Glück oder Zufall?
Wo wir geboren wurden.
In welche Familie.
In welche Zeit.
Welche Bildung wir bekommen konnten.
Welche Möglichkeiten uns offenstanden.
Und dann stellt Singer noch eine unbequeme Frage: Glauben wir wirklich, dass Menschen in extrem armen Ländern weniger hart arbeiten als wir? Oder kann jemand genauso hart arbeiten und trotzdem arm bleiben, wenn die Ausgangsbedingungen völlig andere sind?
Allein in Europa geboren worden zu sein, ist für mich ein unglaubliches Glück. Und wie jedes Privileg beinhaltet auch dieses für mich eine gewisse Verantwortung – eine Verantwortung für andere Menschen, die dieses Privileg nicht hatten.
Nicht als Schuld. Sondern als Möglichkeit.
Großzügigkeit in unserer Gesellschaft
Sehr oft beobachte ich in meinem Umfeld erfolgreiche Menschen, die sich selbst sehr viel gönnen und das auch gerne zeigen. Menschen hingegen, die in der Gesellschaft über ihre Großzügigkeit reden, kenne ich wenige.
Haben ist also okay. Geben hingegen peinlich?
Immer wieder frage ich mich: Warum ist Besitz in unserer Gesellschaft ein erlaubtes Statussignal? Großzügigkeit dagegen wird schnell als Selbstinszenierung interpretiert.
Über Autos, Häuser und Urlaube wird gesprochen. Es wird als Information über den Lebensstandard gehört. Man kann sich freuen, vielleicht ein bisschen beneiden – und damit hat es sich.
Wenn jemand sagt: „Ich habe genug. Deshalb spende ich einen Teil meines Geldes“, führt das schnell zu betretenen Gesichtern.
Konsum darf man zeigen, Großzügigkeit möglichst nicht. Reichtum zu zeigen ist wohl an Erfolg gekoppelt und wird deshalb akzeptiert. Geben zu zeigen ist zu moralisch aufgeladen.
Schade. Denn laut Singer gibt es genügend Untersuchungen, die zeigen, dass Geben auch andere inspirieren kann. Wenn Menschen hören, dass andere aus ihrem sozialen Umfeld spenden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie es ebenfalls tun, um ein Vielfaches.
Wem geben wir – und warum?
Singer bringt ein sehr einprägsames Gedankenexperiment:
Stell dir vor, ein Kind ertrinkt vor dir in einem flachen Teich. Du könntest es retten. Natürlich würden dabei deine neuen Schuhe und dein teures Handy kaputtgehen. Würdest du es dennoch retten?
Natürlich.
Und was ändert sich, wenn das Kind nicht vor dir im Teich liegt, sondern tausende Kilometer entfernt?
Eigentlich nichts.
Das Kind bleibt ein Mensch. Sein Leben bleibt genauso wertvoll. Und die Möglichkeit zu helfen verschwindet nicht dadurch, dass ich es nicht sehen kann.
Ich habe mich ertappt gefühlt. Auch ich bin bisher vor allem dort mit Spenden aktiv geworden, wo ich einen persönlichen Bezug hatte. Ich habe Kontakte zu Menschen auf den Philippinen und in Togo. Dorthin zu spenden fühlte sich für mich richtig, sinnvoll und sicher an.
Aber warum fällt uns Geben leichter, wenn wir ein Gesicht kennen, eine Geschichte gehört haben oder wissen, wo genau unser Geld landet? Vielleicht, weil Nähe Vertrauen schafft. Vielleicht aber auch, weil wir dadurch das Gefühl haben, die Kontrolle zu behalten.
Doch warum sollte eine persönliche Kontaktperson besser wissen, wie Hilfe möglichst wirksam eingesetzt wird, als Menschen, die sich seit Jahren genau damit beschäftigen?
Vielleicht muss ich nicht alles selbst kontrollieren. Vielleicht muss ich nur lernen, wem ich vertrauen kann.
Geben heißt auch loslassen
Spenden ist heute mein Aufhänger. Aber natürlich bedeutet Geben viel mehr als Geld zu spenden. Wir können Zeit geben. Aufmerksamkeit. Wissen. Mitgefühl. Mut. Eine Idee. Unsere Fähigkeiten. Ein offenes Ohr.
Und egal, was wir geben – ohne Vertrauen geht es wohl nicht.
Gerade beim Spenden wollte ich bisher möglichst genau wissen, wem ich gebe und was mit meinem Geld passiert. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir insgeheim auch immer wieder Erfolgsmeldungen gewünscht. Doch ist Geben nicht am ehrlichsten, wenn es an keinerlei Erwartung geknüpft ist?
Kürzlich bin ich auf GiveDirectly gestoßen. Die Organisation gibt Menschen in extremer Armut Geld – ohne ihnen vorzuschreiben, wofür sie es verwenden sollen.
Kein „Wir wissen besser, was du brauchst.“ Die Menschen entscheiden selbst.
Untersuchungen zu solchen bedingungslosen Geldtransfers zeigen, dass Menschen das Geld unter anderem für Ernährung, Wohnen, Gesundheit, Bildung oder ihre wirtschaftliche Zukunft einsetzen. Dieser Gedanke gefällt mir.
Wer bin ich eigentlich, dass ich besser wissen sollte, was ein anderer Mensch gerade am dringendsten braucht?
Vielleicht bedeutet Geben manchmal genau das: Einem anderen Menschen etwas zutrauen.
Ihm Freiheit geben.
Nicht immer misstrauisch sein.
Nicht alles kontrollieren wollen.
Und vielleicht wieder ein bisschen öfter an das Gute im Menschen glauben.
Nicht blind oder naiv. Aber mit Vertrauen.
Vielleicht verändert diese Haltung auch unseren Blick auf Menschen, die uns auf der Straße um Geld bitten. Statt sofort zu denken: „Wer weiß, was er damit macht“ oder „Da steckt bestimmt eine Organisation dahinter“, könnten wir einfach einen Moment innehalten.
Ein Lächeln schenken. Aufmerksamkeit. Mitgefühl. Vielleicht ein paar Euro.
Nicht, weil wir wissen, was daraus entsteht. Sondern weil wir vertrauen, dass es etwas Gutes bewirken kann.
Was habe ich zu geben?
Wir unterschätzen oft, welche Wirkung unser Handeln haben kann, weil wir die Verbindung zwischen unserem kleinen Leben und der großen Welt nicht sehen.
Eine kleine Handlung kann eine große Welle auslösen, die wir selbst gar nicht mehr wahrnehmen. Ein Gespräch kann jemanden ermutigen. Eine Idee kann etwas in Bewegung bringen. Eine Spende kann ein Leben retten. Ein Mensch, der eine Chance bekommt, kann später wiederum anderen eine Chance geben.
Wir wissen oft nicht, wie weit unsere Wirkung reicht. Vielleicht müssen wir das auch gar nicht wissen. Vielleicht reicht es, uns immer wieder zu fragen: Was habe ich zu geben? Und was möchte ich damit bewirken?
Denn Geben wirkt nicht nur nach außen. Es wirkt auch in uns. Und manchmal macht es den Gebenden selbst überraschend glücklich.
Etwas zu teilen. Loszulassen. Einem anderen Menschen etwas zu ermöglichen. Nicht als Gegenleistung. Sondern einfach, weil Geben glücklich machen kann.
LUMA – It begins in you.
Mini-Übung
Was kann ich heute geben, ohne etwas zurückzuerwarten?
Zeit? Aufmerksamkeit? Ein ehrliches Kompliment? Ein offenes Ohr? Hilfe? Ein Lächeln?
Reflexionsfrage
Was würde ich geben, wenn ich nicht kontrollieren müsste, was daraus entsteht?