Seit ich mich mit innerer Arbeit und Bewusstsein beschäftige, hat sich mein Blick auf viele meiner Haltungen und Werte geschärft. Dieser neue Blick verändert Stück für Stück auch meine Art zu leben – grundlegend. Ein Prozess, der mich täglich aufs Neue fordert.
Doch ich bin in diesem Prozess auch auf Werte gestoßen, die mich schon seit meiner Kindheit begleiten und die ich über all die Jahre ganz selbstverständlich gelebt habe – fast wie auf Autopilot.
Einer davon ist meine Neugierde. Während ich mich mit vielen meiner Haltungen und Werte heute intensiv auseinandersetze und daran arbeite, sie Schritt für Schritt in mein Leben zu integrieren, ist mir meine natürliche Neugierde ganz mühelos erhalten geblieben. Sie hat vieles in meinem Leben beeinflusst, ohne dass mir bewusst war, wie viel sie mir ermöglicht hat.
Schon als Kind war ich stets gierig auf neue Abenteuer, auf fremde Orte und Aktivitäten abseits der ausgetretenen Pfade.
Als ich etwa zwölf Jahre alt war, stand unsere Familie kurz davor, für einige Jahre nach Südafrika auszuwandern, weil mein Vater dort ein berufliches Angebot hatte. Ich war Feuer und Flamme für diese Vorstellung. Ich beschäftigte mich intensiv mit dem Land und war untröstlich, als letztendlich nichts daraus wurde. Dass meine Mutter darüber erleichtert war, konnte ich nicht begreifen.
Aus irgendeinem Grund ist mir die Lust auf Neues im Laufe der Jahre nie wirklich abhandengekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Sie hat Mut in mir geweckt, Veränderungen angestoßen und mir unzählige außergewöhnliche Erlebnisse und Erfahrungen beschert. Sie hat mein Leben enorm bereichert – und tut es bis heute.
Neugierde als Mutmacher
Im Kern sehe ich mich gar nicht als eine besonders mutige Person, sondern in vielerlei Hinsicht sogar eher als Schüchterne. Und doch gibt es Dinge, die ich im Laufe meines Lebens getan habe, die andere Menschen durchaus als mutig ansehen würden.
Warum? Weil ich neugierig war.
Als Jugendliche wollte ich zum Beispiel unbedingt allein durch die Bronx in New York gehen, um Fotos für meine Diplomarbeit zu machen. Als ich plötzlich die einzige Weiße in der U-Bahn war, bekam ich Angst. Aber meine Neugierde war stärker.
Ich habe Höhenangst – eine Eigenschaft, die mir mein Vater wohl weitergegeben hat. Ich arbeite schon lange daran, sie loszulassen. Manchmal gelingt mir das besser, manchmal weniger. Und dennoch hat mir meine Neugierde immer wieder geholfen, mich dieser Angst nicht vollkommen auszuliefern. Sie zu spüren, aber mich nicht von ihr vereinnahmen zu lassen. Die Lust auf abenteuerliche Wandertouren treibt mich immer wieder an. Mit wackeligen Knien überquerte ich schon zahlreiche Hängebrücken. Im Nachhinein weiß ich manchmal selbst nicht, wie ich das geschafft habe. Aber es ging.
Im Laufe meines Lebens bin ich durch Schiffswracks getaucht, in kleine Flugzeuge gestiegen und immer wieder durch lange Tunnel, über hohe Brücken und schwindelerregende Bergpässe gefahren. Natürlich war da immer wieder dieses mulmige Gefühl im Bauch. Aber durchgesetzt hat sich am Ende meine Neugierde.
Neugierde als Antrieb für Veränderung
Soweit ich mich zurückerinnern kann, gab es immer ein Gefühl in mir, das mich erkennen ließ, wann eine Veränderung in meinem Leben nötig war. Wann mich mein Leben, so wie es gerade war, nicht mehr erfüllte oder mich einfach langweilte.
Ich spürte, wenn mich ein Job nicht mehr inspirierte, wenn mir Herausforderungen fehlten oder wenn er mir Energie raubte.
Auch die Vorstellung, immer am selben Ort zu leben, fühlte sich für mich persönlich nie gut an. Ich wollte Erfahrungen im Ausland sammeln, andere Lebensweisen und Kulturen kennenlernen und meinen Horizont erweitern.
So gab ich zum Beispiel einen sicheren Job auf, um eine Zeit lang auf den Philippinen zu leben und zu arbeiten. Ein großer Schritt, der natürlich auch mit viel Unsicherheit verbunden war. Doch irgendetwas in mir trieb mich immer wieder dazu, solche Schritte zu wagen. Das Unbekannte war nicht immer perfekt und auch nicht immer von Dauer. Aber jedes Mal war es eine Erfahrung, die mich bereichert hat. Und rückblickend habe ich keinen dieser Schritte je bereut.
Dabei geht es für mich aber auch um eine Balance. Neugierde soll kein weiterer Anspruch werden, immer mehr erleben, ausprobieren oder erreichen zu müssen. Wir müssen nicht ständig unsere Grenzen überschreiten und uns von einem Abenteuer ins nächste stürzen.
Doch ich bin überzeugt davon, dass uns kleine, kontinuierliche Schritte ins Unbekannte helfen, offen zu bleiben. Damit wir es uns nicht irgendwann aus Bequemlichkeit oder aus Angst vor dem Unbekannten zu sehr in unseren Gewohnheiten einrichten.
Warum verlieren Menschen ihre natürliche Neugierde?
Kinder kommen mit einer natürlichen Neugierde auf die Welt. Sie wollen entdecken, ausprobieren und verstehen. Kleine Kinder stecken oft alles in den Mund, was sie in die Finger bekommen. Manche greifen auf eine heiße Herdplatte oder berühren den elektrischen Zaun einer Kuhweide. Ich habe beides ausprobiert – und es waren schmerzhafte Erfahrungen. Doch genau so lernen wir. Wir erkunden die Welt, machen Erfahrungen und entdecken dabei, was möglich ist und wo unsere Grenzen liegen.
Immer wieder frage ich mich, warum vielen Menschen diese natürliche Neugierde im Laufe ihres Lebens ein Stück weit abhandenkommt.
Es ist wohl sehr menschlich, in einer vertrauten Umgebung, im sicheren Job und in unseren Gewohnheiten zu bleiben. Nicht unbedingt, weil wir dort glücklich sind, sondern weil wir glauben zu wissen, was uns erwartet. Das Bekannte gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Neugierde hingegen zieht uns ins Unbekannte. Sie fordert uns heraus, ein Stück Kontrolle abzugeben und uns auf etwas einzulassen, dessen Ausgang wir noch nicht kennen.
Auch Ängste vor Fehlern und Enttäuschungen, negative Erfahrungen oder schlicht Zeitdruck und Erschöpfung können dazu führen, dass wir weniger Neues ausprobieren.
Dazu kommt, dass wir im Laufe unseres Lebens zunehmend glauben, schon viel zu wissen. Wir haben uns zu vielen Themen bereits eine Meinung gebildet. Das führt leicht dazu, das Interesse zu verlieren. Doch Neugierde lebt von offenen Fragen. Selbst wenn uns etwas bekannt vorkommt, können wir uns fragen: Gibt es vielleicht noch eine andere Perspektive? Könnte ich etwas entdecken, das ich bisher übersehen habe?
Vielleicht brauchen wir deshalb manchmal nicht noch mehr Informationen, sondern etwas anderes: Raum für Fragen und die Offenheit, uns überraschen zu lassen – auch von Dingen, die uns vertraut erscheinen.
Ich weiß nicht, warum ich meine Neugierde nie wirklich verloren habe. Warum bei mir die Beharrungskräfte, die viele Menschen vielleicht irgendwann stärker spüren, nie dauerhaft die Oberhand gewonnen haben.
Vielleicht liegt es daran, dass ich seit meiner Jugend kontinuierlich Schritte ins Ungewisse gewagt habe. So habe ich gelernt, mich trotz Angst und Unbehagen in Bewegung zu setzen, weil ich darauf vertraute, dass dahinter Erfahrungen auf mich warten, die mein Leben bereichern.
Vielleicht habe ich so ganz unbewusst gelernt, meiner Neugierde zu vertrauen.
Wir können Neugierde kultivieren
Wie oft versuchen wir zu zeigen, was wir alles können oder wissen? Wie oft möchten wir einen guten Eindruck hinterlassen, statt uns wirklich für unser Gegenüber zu interessieren? Manchmal lohnt es sich, dieses Bedürfnis loszulassen und wieder mehr von jener kindlichen Neugierde zuzulassen, mit der wir die Welt entdecken.
In den letzten Jahren habe ich mich zum Beispiel besonders dafür geöffnet, neue Menschen kennenzulernen. Ich habe entdeckt, wie sehr es mich bereichern kann, aus meiner gewohnten Bubble herauszutreten und mich mit Menschen zu umgeben, die ganz anders sind als ich.
Auch bei meinen Freizeitaktivitäten habe ich mich bewusst noch einmal neu geöffnet: Ich habe Vertrautes losgelassen, vieles ausprobiert und oft wieder bei null angefangen. Es tut mir immer wieder gut, mich auf Unbekanntes einzulassen und dabei ganz neue Seiten an mir zu entdecken.
Wir Menschen sind dynamische Wesen. Wir verändern uns im Laufe unseres Lebens. Warum glauben wir dennoch immer wieder unbewusst, dass andere Menschen, unsere Überzeugungen oder die Dinge, die wir bereits kennen, immer gleich bleiben? Vielleicht gibt es selbst im Vertrauten noch etwas zu entdecken, wenn wir bereit sind, unsere Perspektive zu verändern.
Neugierde kann uns auch helfen, andere Menschen besser zu verstehen. Wenn wir wirklich zuhören, Fragen stellen und versuchen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, entsteht Raum für Verständnis und Empathie.
Gerade wenn ich mich auf etwas völlig Neues einlasse, gelingt es mir viel besser, ohne Erwartungen daran heranzugehen. Ich weiß vorher nicht, ob es mir gefallen wird. Vielleicht wird es großartig. Vielleicht wird es einfach eine Erfahrung. Im besten Fall beides. Langweilig wird es jedenfalls selten.
Neugierde – die Balance zwischen Wissen und Staunen
Kürzlich bin ich auf eine interessante Forschung zur Neugierde gestoßen. Sie beschreibt einen Zusammenhang zwischen unserem Wissen und unserer Neugierde: Oft sind wir besonders neugierig, wenn wir über ein Thema schon etwas wissen, aber noch längst nicht alles.
Man kann sich das wie eine umgekehrte U-Kurve vorstellen: Wissen wir kaum etwas über ein Thema, fehlt uns manchmal noch der Zugang dazu. Wissen wir bereits sehr viel, gibt es möglicherweise weniger offene Fragen, die unsere Neugier wecken. Dazwischen liegt ein Bereich, in dem wir genug verstehen, um interessiert zu sein, und gleichzeitig noch viel entdecken können.
Vielleicht liegt die Kunst, Neugierde zu kultivieren, genau darin, beide Pole zu überwinden: den Mut aufzubringen, den ersten Schritt ins Unbekannte zu wagen, und zugleich das Vertraute immer wieder mit neuen Augen zu betrachten. Denn auch dort, wo wir glauben, schon alles zu kennen, kann es noch etwas zu entdecken geben.
Neugierde als Treibstoff des Lebens
Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben. Das kann ich gut nachvollziehen. Für mich ist und bleibt Neugierde ein unglaublicher Treibstoff für mein Leben und meine Lebendigkeit.
Ich liebe es, meine Komfortzone zu verlassen, immer wieder aus dem Gewohnten auszusteigen und Menschen kennenzulernen, die mich mit ihren Sichtweisen überraschen und inspirieren. Und irgendwie steckt es ja schon im Wort: NEU-GIER. Diese Lust auf das Neue. Diese Freude daran, einen Schritt ins Unbekannte zu setzen.
Letztes Wochenende habe ich bei einem Tai-Chi-Retreat eine 84-jährige Frau kennengelernt, die mich fasziniert hat. Sie war so anders als viele ältere Menschen, denen ich bisher begegnet bin. Sie ruhte spürbar in sich, wirkte zufrieden und machte das intensive Training mit den Jüngeren mit – ohne Stöhnen, ohne viel Aufhebens. Ruhig, demütig, ohne den Anspruch, es besser zu wissen. Mit einer Lebensfreude und Lebenskraft, wie ich sie selten erlebt habe. Ich konnte nur staunen.
Begegnungen wie diese geben mir Energie. Sie erinnern mich daran, dass das Leben noch so viel bereithalten kann, was ich noch nicht kenne. Nicht irgendwann. Sondern heute. An jedem Tag, an dem ich neugierig bleibe.
Mini-Übung
Denk an etwas, das dich schon länger interessiert, du aber noch nie ausprobiert hast.
Was hält dich zurück? Vielleicht die Unsicherheit, nicht zu wissen, was dich erwartet.
Wage einen ersten Schritt. Du musst noch nicht wissen, wohin er führt. Nur neugierig genug sein, um loszugehen.
Reflexionsfrage
Wo in meinem Leben bin ich neugierig geblieben – und wo könnte ich wieder etwas mutiger auf das Unbekannte zugehen?