Mein Mann und ich lieben indisches Essen. Deshalb besuchen wir regelmäßig ein indisches Restaurant ganz in unserer Nähe. Nicht nur wegen des herrlichen Essens, sondern auch wegen der Menschen.
Die beiden indischen Besitzer und ihr Kellner sind unglaublich herzliche Menschen. Jedes Mal berührt mich ihre natürliche Freundlichkeit. Sie wirkt nicht aufgesetzt, sondern selbstverständlich und echt.
Ihr Leben ist sicher nicht leicht. Sie arbeiten hart, während ihre Frauen und kleinen Kinder noch in Indien leben. Und doch spüre ich, wie sehr sie ihr Restaurant, ihre Arbeit und ihre Gäste lieben.
Immer mehr merke ich, wie wichtig Freundlichkeit für mich ist. Ich habe mich selbst immer für einen sehr freundlichen Menschen gehalten. Doch heute sehe ich auch, dass meine eigene Freundlichkeit nicht immer ganz authentisch war.
Erlernte Freundlichkeit
Es gibt viele Formen von Freundlichkeit. Manche kommen aus dem Herzen, andere haben wir einfach gelernt.
Mir wurde zum Beispiel von klein auf Kundenfreundlichkeit eingetrichtert: „Der Kunde ist König.“ Genauso wie Freundlichkeit gegenüber Vorgesetzten: „Sei immer nett zu deinem Chef.“
So wurde ich erzogen und so habe ich gelebt. Dabei ist mir selten aufgefallen, dass ich dadurch immer wieder meine eigenen Grenzen vernachlässigte.
Ich hatte einmal einen Chef. Ja, er hat mich gefördert, aber er hat mich auch immer wieder sonntagmorgens wegen irgendwelcher Kleinigkeiten angerufen. Ich hob ab, war freundlich und kümmerte mich um sein Anliegen. Danach legte ich auf und ärgerte mich über ihn.
Später, als selbstständige Reiseveranstalterin, hatte ich Kunden, die mich immer wieder rund um die Uhr am Handy anriefen – einmal sogar während meines Urlaubs, in meiner Hochzeitsnacht. Ich nahm den Anruf entgegen. Dabei ging es um ein Problem, das sie ohnehin nur selbst vor Ort lösen konnten. Ich hörte zu, legte auf und ärgerte mich.
Aus heutiger Sicht würde ich anders handeln. Meine Freundlichkeit war in solchen Situationen nicht immer ein Zeichen von Wohlwollen. Oft war sie schlicht gelernte Anpassung. Ich wollte meine Kunden zufriedenstellen und meinen Vorgesetzten nicht verärgern. Dafür stellte ich meine eigenen Bedürfnisse zurück. Heute versuche ich, früher Grenzen zu ziehen. So erspare ich mir im Nachhinein die Empörung, die letztlich nur mir selbst schadet.
Und heute sehe ich darin noch etwas anderes, sehr Wichtiges: Warum sollten mein Chef oder meine Kunden ihr Verhalten ändern, wenn ich ihnen durch meine angepasste Freundlichkeit signalisierte, dass es für mich in Ordnung war – vielleicht sogar, dass ich es guthieß? Im Endeffekt habe ich durch mein Verhalten ihre Respektlosigkeit gefördert.
Freundlichkeit mit mir selbst
Mittlerweile glaube ich, dass die Fähigkeit, anderen freundlich zu begegnen, sehr viel damit zu tun hat, wie ich mit mir selbst umgehe. Wenn ich mit mir im Einklang bin, fällt es mir leichter, auch anderen Menschen mit echtem Wohlwollen zu begegnen.
Wir sprechen mit Freunden oft verständnisvoller als mit uns selbst. Dabei ist Selbstmitgefühl eine wichtige Voraussetzung für aufrichtige Freundlichkeit. Es bedeutet, eigene Fehler nicht sofort mit Selbstkritik zu beantworten, sondern sich selbst mit Verständnis und Milde zu begegnen.
Ehrliche Freundlichkeit braucht außerdem innere Klarheit. Ich kann einem Menschen freundlich begegnen, ohne seiner Meinung zuzustimmen. Ich kann Verständnis zeigen und trotzdem eine Grenze setzen.
Wer ständig Ja sagt, obwohl er Nein meint, ist vielleicht freundlich zu anderen, aber nicht zu sich selbst. Eigene Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen, ist für mich eine Voraussetzung für ein ehrliches Miteinander.
Freundlichkeit ist nicht dasselbe wie Nettsein
Nettsein kann eine Form der Anpassung sein. Wir möchten gemocht werden, sehnen uns nach Harmonie und wollen niemanden enttäuschen oder verärgern. Also lächeln wir, helfen und stimmen zu – nicht unbedingt, weil wir es wirklich wollen, sondern weil wir uns davon etwas versprechen.
Oft geschieht das völlig unbewusst. Wir halten uns für freundlich, obwohl wir vielleicht vor allem gefallen, dazugehören oder Anerkennung bekommen möchten. Wir vermeiden Konflikte, weil wir Angst haben, abgelehnt zu werden.
Doch ist das wirklich authentische Freundlichkeit?
Ehrliche Freundlichkeit beginnt für mich mit Selbstwahrnehmung. Je besser ich meine eigenen Beweggründe kenne, desto freier kann ich entscheiden, wie ich anderen begegnen möchte.
Manchmal frage ich mich deshalb: Bin ich gerade wirklich freundlich – oder möchte ich einfach, dass andere mich für einen guten Menschen halten?
Natürlich darf sich Freundlichkeit auch für mich gut anfühlen. Entscheidend ist, dass ich sie nicht einsetze, um Anerkennung zu bekommen oder andere zu manipulieren.
Vielleicht beginnt ehrliche Freundlichkeit genau dort, wo ich nichts mehr erreichen muss, um freundlich zu sein.
Freundlichkeit ist keine Schwäche
In einer Welt, die Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit gerne belohnt, gilt Freundlichkeit erstaunlicherweise immer wieder als Schwäche.
Ich erinnere mich gut an meine Zeit im Marketing. Ich wollte Karriere machen und hatte eine sehr harte Chefin, die mich aus damals für mich unerklärlichen Gründen kleinzuhalten schien. Irgendwann sagte sie zu mir, ich hätte nicht die Persönlichkeit für eine Führungsposition.
Das hat mich tief gekränkt und lange beschäftigt. Kann ich ruhig und freundlich sein – und trotzdem erfolgreich? Damals habe ich daran gezweifelt. Heute glaube ich daran. Mehr noch: Ich wünsche mir genau das. Mehr Menschen in Führungspositionen, die sich bewusst für Respekt, Wohlwollen und Zusammenarbeit entscheiden statt für Härte und Macht.
Wie viel Potenzial bleibt uns wohl verborgen, weil wir miteinander konkurrieren, statt gemeinsam etwas zu erschaffen? Wie viele Teams geben sich nach außen harmonisch, während sie sich intern gegenseitig ausbremsen? Wie viele Freundschaften und Beziehungen zerbrechen daran, dass wir mehr miteinander konkurrieren, als uns gegenseitig zu stärken?
Die einen versuchen, Stärke zu demonstrieren, die anderen, es allen recht zu machen. Statt ehrlich und wohlwollend zusammenzuarbeiten, sind wir oft viel zu sehr damit beschäftigt, unsere Rollen zu spielen. Ich glaube, wir brauchen nicht mehr Menschen, die sich auf Kosten anderer durchsetzen. Wir brauchen mehr Menschen, die ihre Stärke nutzen, um andere stark zu machen.
Denn echte Zusammenarbeit beginnt dort, wo wir einander nicht länger als Konkurrenz betrachten, sondern als Möglichkeit, gemeinsam mehr zu schaffen, miteinander zu wachsen und uns gegenseitig zu inspirieren. Und ich glaube, das gelingt leichter, wenn wir uns mit echter Freundlichkeit begegnen.
Freundlichkeit, die aus dem Herzen kommt
Ich liebe diese kleinen Situationen im Leben, in denen ich echter Freundlichkeit begegne. Dieser wunderbar warmen Freundlichkeit, die ansteckend ist, mich tief im Inneren berührt und manchmal meinen ganzen Tag verändern kann. Oft frage ich mich, warum manche Menschen diese Freundlichkeit ganz selbstverständlich leben und andere gar nicht.
Die Psychologin Nora Blum beschreibt in ihrem Buch Radikale Freundlichkeit drei wesentliche Elemente: wohlwollende Toleranz, Empathie und aktives Handeln. Es geht demnach vor allem darum, anderen mit Wohlwollen zu begegnen, sich in sie hineinzuversetzen und dieses Wohlwollen auch durch unser Handeln auszudrücken.
Für mich beginnt authentische Freundlichkeit im Alltag oft mit Aufmerksamkeit. Zuhören, das Handy weglegen, jemanden wirklich wahrnehmen. Kleine Gesten, die zeigen: Ich sehe dich. Ich nehme dich ernst. Freundlichkeit muss nicht spektakulär sein, um etwas zu bewirken.
Auch Ehrlichkeit ist für mich eine Form der Freundlichkeit. Wenn wir offen aussprechen, was uns bewegt, statt Ärger herunterzuschlucken, geben wir unserem Gegenüber die Chance, uns wirklich zu verstehen. Wir können unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem respektvoll miteinander umgehen.
Denn wo Ehrlichkeit und Respekt fehlen, wird Freundlichkeit schnell zur Fassade. Nach außen scheint alles harmonisch, während sich dahinter Ärger, unausgesprochene Erwartungen und gegenseitige Verletzungen aufstauen. Diese Pseudoharmonie empfinde ich heute als alles andere als freundlich.
Vielleicht ist es genau das, was mich an den Menschen in unserem indischen Restaurant so berührt: Ihre Freundlichkeit fühlt sich nicht nach einer Pflicht an. Nicht bemüht oder aufgesetzt. Sie ist einfach da. In ihrer Art, mit uns zu sprechen, in ihrer Aufmerksamkeit und in der Freude, mit der sie uns begegnen.
Ich erkenne wieder einmal, dass ehrliche Freundlichkeit nichts Großes leisten muss. Ihre Echtheit liegt oft gerade in der Einfachheit. Manchmal reicht ein Mensch, bei dem wir uns einfach willkommen fühlen.
LUMA – it begins in you.
Miniübung
Schenke heute einem Menschen deine volle Aufmerksamkeit. Höre wirklich zu, begegne ihm mit Respekt oder sprich etwas ehrlich aus, das dir am Herzen liegt.
Reflexiosfrage
Bin ich auch zu mir selbst so freundlich wie zu anderen?