„Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.“ So beschrieb mich meine Mutter oft als Kind. „So ist sie halt.“ Bei mir gab es offenbar nur oben oder unten, wenig dazwischen.
So sahen mich meine Eltern. So erlebte ich mich selbst. Und irgendwann war ich überzeugt, dass ich eben so bin. Ich stellte diese Zuschreibung nie infrage. Meine Emotionen, meine Wut – das war ich. Und ich zeigte es. Lautstark, intensiv, ungefiltert.
Mit Gleichmut hatte meine Art zu leben wenig zu tun. Ich kam nie auf die Idee, dass ich daran etwas verändern könnte. Also redete ich mir mein Temperament schön: Ich war spontan, für jede Überraschung gut und garantiert nicht langweilig.
Doch irgendwann begegnete ich Menschen, die etwas anderes ausstrahlten. Eine Ruhe, eine Gelassenheit, die mich faszinierte. Sie schienen nicht bei jeder Welle mitgerissen zu werden. Und je mehr Zeit ich mit ihnen verbrachte, desto stärker wurde auch in mir der Wunsch, gelassener zu werden.
Irgendwann erkannte ich, dass Gleichmut keine angeborene Eigenschaft sein muss. Man kann ihn lernen. Wie einen Muskel trainieren. Und plötzlich war das, was ich immer für einen Teil meiner Persönlichkeit gehalten hatte, nicht mehr unveränderlich.
Ich erkannte: Ich muss nicht warten, bis ich gelassener werde. Ich kann Gelassenheit üben.
Die Vergänglichkeit
Einer meiner besten Lehrer in Sachen Gleichmut ist die Vergänglichkeit.
Der Tag kommt und geht. Der Sommer kommt und geht. Ein Urlaub kommt und geht. Wochenenden kommen und gehen. Dinge kommen und gehen. Menschen kommen und gehen. Probleme kommen und gehen. Traurigkeit kommt und geht. Glück kommt und geht.
Je bewusster ich mir mache, dass all das zum natürlichen Lauf des Lebens gehört, desto weniger muss ich gegen Situationen ankämpfen oder versuchen, sie festzuhalten. Denn nichts wird dadurch beständiger, dass ich versuche, es festzuhalten. Und nichts verschwindet schneller, nur weil ich es unbedingt loswerden möchte.
Gleichmut hat für mich viel mit Akzeptanz zu tun. Mit der Bereitschaft, das Leben in seiner Veränderlichkeit anzunehmen, statt ständig dagegen anzukämpfen. Den gegenwärtigen Moment so zu nehmen, wie er gerade ist – ohne ihn sofort in gut oder schlecht, richtig oder falsch einzuteilen. Und wenn mir das gelingt, fühlt sich Gleichmut gut an. Zufrieden. Friedlich. Und ganz und gar nicht langweilig. Einfach schön.
Wenn ich gleichmütiger lebe, leide ich weniger. Nicht unbedingt, weil sich die Umstände verändern, sondern weil ich weniger gegen das ankämpfe, was gerade da ist. Ich kann den natürlichen Wandel anerkennen und trotzdem präsent bleiben. Bewusst bleiben.
Je weniger ich kämpfe, desto mehr kann ich den Moment so annehmen und oft auch genießen, wie er ist. Nicht perfekt. Aber da. Echt. Jetzt.
Die krampfhafte Suche nach einer Lösung
Ein Muster, das in unserer westlichen Gesellschaft weit verbreitet ist, ist das Tun als Flucht. Ich kenne es aus meinem eigenen Leben nur zu gut.
Das Leben spielt gerade nicht die Musik, die ich mir wünsche. Also versuche ich einzugreifen. Ich grüble tagelang, manchmal bis tief in die Nacht, und versuche, mit meinem Verstand eine Lösung zu erzwingen. Meist vergeblich.
Heute spüre ich immer öfter: Ich muss nicht immer sofort handeln. Manchmal darf ich einfach abwarten und beobachten, wohin das Leben mich trägt.
In solchen Momenten hilft mir das Bild eines Glases mit schlammigem Wasser. Solange wir das Wasser ständig bewegen, bleibt es trüb. Wir können versuchen, den Schlamm herauszufischen oder das Wasser mit aller Kraft zu klären. Doch damit wirbeln wir ihn nur weiter auf. Lassen wir das Wasser dagegen zur Ruhe kommen, sinken die Schmutzpartikel nach und nach zu Boden. Das Wasser wird von selbst klarer.
Diese Geschichte erinnert mich daran, nicht sofort zu reagieren, wenn ich innerlich aufgewühlt bin. Denn dann sehe ich eine Situation durch den Filter meiner Emotionen und Erwartungen. Ich interpretiere, bewerte und suche nach Lösungen, obwohl mir vielleicht gerade die nötige Klarheit fehlt.
Wenn ich innehalte und mir Zeit gebe, kann sich etwas verändern. Meine Gefühle beruhigen sich, mein Blick wird weiter und plötzlich erkenne ich Möglichkeiten, die ich vorher nicht gesehen habe.
Oft entsteht Klarheit nicht dadurch, dass ich mehr tue, sondern dadurch, dass ich aufhöre, alles aufzuwühlen. Immer wieder erlebe ich, dass sich Lösungen gerade dann zeigen, wenn ich aufhöre, krampfhaft nach ihnen zu suchen. Nicht, weil ich aufgebe, sondern weil ich in meiner Gelassenheit klarer sehen kann.
Auch das ist für mich Gleichmut: nicht untätig zu sein, sondern zu erkennen, wann Handeln sinnvoll ist – und wann es besser ist, erst einmal zur Ruhe zu kommen.
Gesunde Emotionen
Gleichmut bedeutet nicht, weniger zu fühlen, sondern bewusster mit dem umzugehen, was wir fühlen.
Was ich an meinem Temperament und sogar an meiner Wut immer geschätzt habe: Sie haben mich dazu gebracht, meine Stimme zu erheben, wenn jemand ungerecht oder respektlos behandelt wurde. Meine Wut hat mir geholfen, meine Werte nicht nur zu kennen, sondern auch für sie einzustehen.
Ich glaube deshalb, dass es auch eine gesunde Wut gibt. Eine Wut, die uns auf Ungerechtigkeit aufmerksam macht und uns dazu bewegt, für unsere Werte einzutreten. Entscheidend ist für mich heute, wie ich mit dieser Wut umgehe. Reite ich meinen Ärger oder reitet er mich?
Ich weiß heute, dass ich am besten handeln kann, wenn ich innerhalb meines Toleranzfensters bleibe. Wenn ich mich ärgere, ohne ins Drama zu gehen. Ohne selbst respektlos zu werden. Wenn ich deutlich werde, ohne verletzend zu sein. Dann kann ich handeln, ohne die Kontrolle über mich zu verlieren.
Natürlich komme ich auch heute immer wieder in Situationen, in denen ich in alte Muster zurückfalle und meiner Wut ausgeliefert bin. Aber ich bemerke das mittlerweile. Und ich weiß dann, dass ich noch Übung brauche.
Gleichmut bedeutet für mich also nicht, meinen Ärger zu unterdrücken oder Ungerechtigkeit einfach hinzunehmen. Er hilft mir vielmehr, innerlich ruhig zu bleiben, obwohl ich Ärger empfinde. So kann ich klarer handeln, statt unbewusst zu reagieren.
Wenn ich meine Emotionen bewusst wahrnehme, kann ich mir Fragen stellen: Welcher Wert wurde gerade verletzt? Wie möchte ich für ihn einstehen? Und wie gelingt mir das, ohne meine innere Balance zu verlieren?
So wird aus gesunder Wut eine konstruktive Lebenskraft.
Kleine Ungerechtigkeiten
Ich habe meinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn immer an mir gemocht. Und ich mag ihn noch immer, wenn es um wirklich wichtige Dinge geht. Aber wie oft machen wir uns das Leben selber schwer, weil wir uns über Kleinigkeiten aufregen?
Wenn im Supermarkt jemand vor mir bedient wird, obwohl ich eigentlich an der Reihe wäre. Wenn mich ein Autofahrer nicht ins Reißverschlussverfahren einfädeln lässt. Wenn andere Absprachen nicht einhalten. Oder wenn jemand einen Parkplatz besetzt, auf den ich schon gewartet habe.
In solchen Situationen versuche ich, meinen Gleichmut-Muskel zu trainieren. Ich übe, kleinen Ungerechtigkeiten gegenüber durchlässiger zu werden, statt mich an ihnen festzubeißen.
Denn was bringt es mir, mich zu empören? Es belastet mein Nervensystem, kostet mich Energie und verdirbt mir womöglich noch die nächsten Stunden. Mein Groll schadet am Ende vor allem mir – während die andere Person vermutlich längst nicht mehr an die Situation denkt.
„Soll ich mich aufregen?“ Das war einer der Lieblingssprüche meiner Mutter. Sie hat diese Haltung gelebt, und ich habe sie oft dafür bewundert. Ich selbst trainiere noch.
Was mir dabei immer wieder hilft, ist der Gedanke: Zoom out. See the bigger picture. Einen Schritt zurücktreten und das große Ganze sehen. Wird diese Situation in einer Woche noch irgendeine Bedeutung für mein Leben haben? Muss ich wirklich jede kleine Ungerechtigkeit korrigieren? Oder kann ich sie einfach durch mich hindurchziehen lassen und friedlich weitermachen?
Das bedeutet nicht, dass ich alles hinnehmen muss. Wenn es um wichtige Werte geht, möchte ich weiterhin für sie einstehen. Aber ich darf lernen, zu unterscheiden, wofür es sich lohnt, meine Energie einzusetzen – und was ich getrost loslassen kann.
Denn vieles, was Menschen sagen oder tun, entsteht aus ihrem eigenen Druck, ihrer Angst oder ihrer Müdigkeit. Nicht alles richtet sich wirklich gegen mich. Und deshalb muss ich auch nicht alles in mich aufnehmen. Die Welt ist laut geworden. Empörung ist überall verfügbar. Unser Nervensystem steht oft unter Daueranspannung, auch wenn gerade keine unmittelbare Gefahr besteht.
Nicht jede Ungerechtigkeit verdient meine Aufmerksamkeit. Und nicht jeder Ärger verdient meine Energie.
Akzeptiere, was du nicht kontrollieren kannst
Wir können die Umstände unseres Lebens und das Verhalten anderer Menschen nicht vollständig bestimmen. Wir können aber lernen, bewusster mit unseren eigenen Reaktionen umzugehen. Ich kann für mich innere Stabilität entwickeln in einer Welt, die ich niemals vollständig kontrollieren werde.
Ich kann mein Bestes geben, jeden Tag. Und wenn ich mein Bestes gegeben habe, kann ich lernen, das Ergebnis anzunehmen – auch wenn es mir nicht gefällt. Das bedeutet nicht, dass ich aufgebe oder nichts mehr verändern möchte. Es bedeutet, dass ich nicht länger meine innere Ruhe davon abhängig mache, ob alles so läuft, wie ich es mir wünsche.
Gleichmut bedeutet für mich nicht, keine Wut, Angst oder Traurigkeit mehr zu empfinden. Es bedeutet, diese Gefühle wahrzunehmen, ohne mich von ihnen beherrschen zu lassen. Ich darf fühlen, ohne sofort handeln zu müssen.
Ein großer Teil unseres Leidens entsteht, wenn die Realität nicht unseren Erwartungen entspricht. Wir wünschen uns, dass Menschen anders handeln, dass Dinge anders laufen oder dass das Leben gerecht ist. Gleichmut bedeutet für mich nicht, keine Wünsche zu haben. Es bedeutet vielmehr, die Wirklichkeit nicht ständig an meinen Wünschen zu messen.
Ich weiß, dass ich nicht von heute auf morgen von einer temperamentvollen zu einer gelassenen Person werde. Aber ich kann üben. Jeden Tag.
Durch Meditation, bewusstes Atmen und indem ich meine eigenen Reaktionen beobachte. Indem ich lerne, nicht auf jeden Gedanken und jedes Gefühl sofort reagieren zu müssen. Und indem ich mich im Alltag bewusst kleinen Situationen gleichmütig stelle, die mich früher auf die Palme gebracht hätten.
Für mich bedeutet Gleichmut nicht, dass mich das Leben weniger bewegt. Sondern dass ich langsam lerne, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt mehr Raum für das Dazwischen zu finden.
LUMA – it begins in you.
Miniübung
Halte heute einmal kurz inne, wenn du dich über etwas ärgerst.
Atme tief durch und frage dich: Lohnt es sich wirklich, dass ich mich darüber empöre? Oder darf ich diese Kleinigkeit einfach an mir vorbeiziehen lassen?
Du musst deinen Ärger nicht wegdrücken. Du darfst nur entscheiden, ob du ihm deine Energie schenken möchtest.
Reflexionsfrage
Welche Situationen bringen mich immer wieder aus meiner inneren Ruhe – und was würde sich verändern, wenn ich ihnen nicht mehr so viel Bedeutung gebe?