Kürzlich habe ich Ildikó von Kürthy über ihr Buch „Alt genug“ sprechen gehört. Sie kritisierte eine Gesellschaft, die uns permanent vermittelt: Jung ist gut, alt ist schlecht.
Was wäre, wenn wir unser Älterwerden stattdessen als etwas Natürliches ansehen könnten? Als Veränderung, die zu unserem Leben gehört und auch viele Vorteile mit sich bringt? Ich liebe am Älterwerden meinen klareren Blick. Er hilft mir zum Beispiel Illusionen zu entlarven, an denen ich früher festgehalten habe. Vorstellungen, die mich im Laufe der Zeit sehr viel Kraft und Lebensenergie gekostet haben.
Kürthy sagt sinngemäß: Heute muss ich zwar eine Brille tragen, aber dennoch sehe ich schärfer als früher. Sie spricht mir damit aus der Seele.
Und ich glaube nicht, dass ich heute deshalb klarer sehe, weil ich auf alles eine Antwort habe. Sondern vor allem, weil ich zunehmend bereit bin, meine bisherigen Antworten infrage zu stellen.
Meine Illusion von Freiheit
Lange Zeit habe ich Freiheit so verstanden: Ich bin frei, wenn ich die ganze Nacht durchfeiern, große Reisen unternehmen und mir vieles leisten kann …
Doch wie viele dieser Freiheiten entsprachen wirklich meinem Inneren? Und wie viele entsprangen einem gesellschaftlich geprägten Bild davon, wie ein freies Leben auszusehen hat? „Man“ feiert intensiv. „Man“ reist viel. „Man“ hat Erfolg. „Man“ tut das eben so. Viele dieser Vorstellungen haben sich unbewusst tief in mir verankert, bis ich irgendwann glaubte, sie seien Teil meiner Identität.
Heute sehe ich meine größte Freiheit in meiner Selbstbestimmtheit. Ich selbst bestimme immer bewusster meine Werte, meine Haltungen und meine Handlungen. Nicht die Gesellschaft bestimmt, wie ich lebe, sondern ich. Egal, ob meine Art zu leben für andere komisch, unnatürlich, schräg, langweilig oder unpassend erscheint.
Je mehr ich auf meine innere Stimme höre, desto mehr mag ich mich selbst. Ich mag meine Reife. Und besonders mag ich mich, wenn ich mich durch meine eigene Brille sehe und bewerte, nicht durch die der Gesellschaft oder anderer Menschen.
Die Illusion, erwachsene Menschen verändern zu können
Immer wieder leben wir in der Illusion, dass wir andere erwachsene Menschen verändern können.
Da ist die Mutter, die möchte, dass ihre Tochter gesünder lebt.
Die Partnerin, die darauf wartet, dass ihr Freund reflektiert.
Die Schwester die sich wünscht dass ihr Bruder sich mit dem Vater versöhnt.
Die Schwester, die von ihrer Schwester verstanden werden möchte.
Der Sohn, der darauf wartet, dass seine Mutter die vielen schönen Seiten ihres Lebens wahrnimmt, während sie selbst vor allem ihr Leid sieht.
Die Freundin, die darauf wartet, dass ihre Freundin Mitgefühl zeigt.
Früher habe ich gerne in der Illusion gelebt, durch mein eigenes Verhalten andere Menschen verändern zu können. Wenn ich nur noch verständnisvoller bin, besser kommuniziere, geduldiger bin, mich mehr anstrenge … dann wird der andere mich irgendwann sehen, verstehen, lieben oder sich verändern.
Doch irgendwann wurde mir klar: Ein erwachsener Mensch verändert sich, wenn überhaupt, nur dann, wenn er selbst dazu bereit ist. Nie für mich. Punkt.
Manchmal hilft es, sich zu fragen: Liebe ich diesen Menschen eigentlich so, wie er heute vor mir steht? Oder liebe ich die Illusion dessen, wie er sein könnte? Die Vorstellung seiner besten Version, die in Wirklichkeit vielleicht gar nicht existiert?
Ich bin gerne optimistisch. Ich lebe gerne mit Hoffnung. Diese Eigenschaft mag ich an mir und in vielen Bereichen meines Lebens bringt sie mich weiter. Doch manchmal ist der Grat zwischen Hoffnung und Fantasie sehr schmal. Dann kann Hoffnung auch eine Illusion tarnen: eine Fantasie darüber, wie Menschen sein könnten, welches Potenzial sie haben oder wie sich ihr guter Kern irgendwann zeigen wird.
Ich kenne diese Art von Illusion sehr gut aus meinem eigenen Leben. Immer wieder habe ich lange darum gekämpft, meine Fantasieversionen aus anderen Menschen herauszuholen. Vergeblich. Viel zu oft habe ich mein eigenes Wohlbefinden davon abhängig gemacht, ob ein anderer Mensch mich versteht, mich anerkennt oder sich so verhält, wie ich es mir wünsche. Damit habe ich jedes Mal ein Stück meiner inneren Freiheit abgegeben.
Was ich in der Hand habe, bin ich selbst. Ich kann an mir arbeiten. Ich kann mich verändern. Ich kann loslassen. Ich kann mein Bestes geben. Was dann daraus entsteht versuche ich anzunehmen. Und das gelingt mir jeden Tag besser.
Die Illusion war einmal hilfreich
Ich glaube nicht, dass solche Illusionen einfach aus Dummheit oder Blindheit entstehen. Wie so vieles hatten auch sie einmal eine Funktion. Ein Kind braucht Hoffnung. Es braucht die Vorstellung, dass seine Bezugsperson liebevoll, erreichbar und veränderungsfähig sein könnte. Diese Fantasie hilft ihm, mit einer emotional schwierigen Realität zurechtzukommen.
Doch als Erwachsene können wir irgendwann feststellen: Diese Hoffnung schützt mich nicht mehr. Sie hält mich fest. Und dann beginnt Heilung nicht mehr damit, dass sich der andere verändert. Sondern damit, dass ich meine Vorstellung von ihm verändere.
Vielleicht ist eine Illusion nicht immer etwas, das wir falsch gesehen haben. Manchmal ist sie etwas, das wir eine Zeit lang gebraucht haben, um weiterzumachen. Deshalb möchte ich meine vergangenen Illusionen heute auch nicht bereuen. Vielleicht könnte ich die Leichtigkeit von heute ohne sie gar nicht so sehr schätzen. Sie waren Teil meines Weges zu dem Menschen, der ich heute bin.
Und so ist meine Vergangenheit nicht mehr nur das, was mich Kraft gekostet hat, sondern auch das, was mich zu meiner heutigen Klarheit geführt hat.
Die Illusion der Kontrolle
Wir planen und optimieren ständig. Wir versuchen, jede Unsicherheit auszuschließen.
Doch das Leben bleibt unvorhersehbar. Je stärker unsere Vorstellung davon ist, wie etwas sein muss, desto schwerer fällt es uns, mit dem umzugehen, was tatsächlich geschieht.
Wir verlernen, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Immer wieder glauben wir, unsere Zukunft, unsere Gesundheit, unsere Jugend, unsere Kinder oder die Menschen um uns herum kontrollieren zu können.
Immer wieder leben wir unbewusst in dem Glauben, dass wir „okay“ sind, solange wir funktionieren. Dabei können wir nach außen erfolgreich sein und gleichzeitig innerlich weit von unseren eigenen Bedürfnissen entfernt leben. Gesellschaftliche Anerkennung kann diese Entfremdung sogar noch verstärken.
Wie lange habe ich versucht, etwas zu werden: schlanker, beliebter, besser, erfolgreicher … Doch woran messen wir uns eigentlich? Wer bestimmt unseren Wert? Wer legt fest, wann wir schön oder erfolgreich genug sind? Und wer entscheidet, wer wir sein sollten? Wenn wir ständig versuchen, jemand anderes zu werden, verschieben wir unsere Zufriedenheit immer wieder in die Zukunft. Übersehen wir dabei nicht viel zu oft das, was jetzt schon da ist?
Heute bin ich vermutlich weniger schön oder weniger erfolgreich als früher. Aber es ist mir egal. Ich bin alt genug, mich trotzdem gut zu fühlen. Vielleicht sind wir gerade dann am schönsten, wenn wir aufhören, anderen gefallen zu wollen.
Seit ich versuche, mich vor allem an meinem eigenen Maßstab zu messen, werde ich von Jahr zu Jahr zufriedener. Ich gebe mein Bestes. Das weiß ich. Und das genügt mir. Ich warte immer weniger auf Zustimmung oder Akzeptanz von außen. Das macht mein Leben ruhiger und leichter – und mich zufriedener.
Die Illusion, alles wissen zu müssen
Von klein auf wird uns beigebracht, wie wichtig es ist, Bescheid zu wissen. Und was versuchen wir deshalb krampfhaft zu vermeiden? Nichtwissen.
Wie oft streiten wir mit unseren Liebsten, weil wir glauben, es besser zu wissen als sie? Weil wir recht haben wollen. Weil wir ihnen erklären wollen, warum wir recht haben. Doch wie oft beruht unser Konflikt auf unseren eigenen Interpretationen dessen, was gerade geschieht? Wir reagieren selten auf die Wirklichkeit, sondern vielmehr auf das Bild, das wir uns von ihr machen.
Wir drehen unsere vertrauten Gedanken gerne in Endlosschleifen. Weil wir es schon so oft gedacht haben, fühlt es sich richtig an. Wir handeln nach unserem vermeintlichen Wissen und wundern uns, dass unser Leben uns immer wieder vor ähnliche Situationen stellt.
Mir gefällt das Bild, dass alle Gedanken, die in meinem Kopf auftauchen, nur Vorschläge sind. Meine Freiheit liegt vor allem darin, die für mich sinnvollen auszuwählen. Ich bin nicht meine Gedanken. Ich bin nicht mein Verstand. Ich bin viel mehr.
Wir halten unsere Selbstbilder so gerne für Tatsachen: Ich bin eben so. Ich kann das nicht. Ich bin nicht gut genug. Das ist unmöglich. Dabei sind solche Überzeugungen oft erlernte Interpretationen unserer Erfahrungen und keine unveränderlichen Wahrheiten. Viktor Frankl wird der Gedanke zugeschrieben: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.“ Das spüre ich auch. Je mehr Raum ich zwischen Reiz und Reaktion entstehen lasse, desto mehr finde ich zu meinem natürlichen Selbst. Und je natürlicher ich handle, desto stimmiger fühlen sich meine Handlungen an.
Vielleicht ist das eines der schönsten Geschenke des Älterwerdens: Ich muss nicht mehr an jeder Vorstellung festhalten, die ich einmal für wahr gehalten habe. Ich darf meine Meinung ändern, meine Überzeugungen hinterfragen und Dinge loslassen, die mir lange wichtig erschienen sind.
Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht immer recht haben. Ich muss nicht alles kontrollieren. Ich muss nicht jeden Menschen verstehen oder verändern. Und ich muss auch nicht mehr jemand sein, der ich gar nicht sein möchte. Je weniger ich an meinen Illusionen festhalte, desto mehr Energie bleibt für das, was wirklich da ist. Für mein Leben, meine Beziehungen und für mich selbst.
Vielleicht bedeutet Älterwerden nicht nur, mehr Erfahrungen zu sammeln. Sondern auch, manches endlich nicht mehr glauben oder wissen zu müssen.
Und dafür bin ich gerne alt genug.
LUMA – it begins in you.
Mini Übung
Wenn du das nächste Mal überzeugt bist, dass etwas so ist, wie du es wahrnimmst, halte kurz inne. Atme durch und frage dich: Ist das wirklich die Realität – oder meine Vorstellung davon? Welche andere Sichtweise könnte es noch geben?
Reflexionsfrage
Welche Vorstellung über mich, andere Menschen oder das Leben darf ich loslassen, um freier zu werden?