MITTELMASS
Mittelmäßig sein ist in unserer Gesellschaft fast schon ein Schimpfwort.
Oft frage ich mich warum.
Wir können doch unmöglich alle die Besten,
Erfolgreichsten, Schönsten oder Klügsten sein.
Und wenn schon die „Mittelmäßigen“ leiden,
weil sie sich nicht gut genug fühlen -
wie viele Menschen können dann überhaupt zufrieden sein?
Nur die ganz wenigen an der Spitze?
Und was bedeutet dieses „ganz oben sein“ überhaupt?
Heißt es nicht auch, dass wir uns über andere erheben müssen,
um uns selbst groß zu fühlen?
Dass wir andere klein brauchen, damit wir uns gut fühlen können?
Wenn einer gewinnt, verliert meist ein anderer.
Wenn jemand herausragt, erhebt er sich dadurch über andere.
Warum setzten wir uns auf diese Weise gegenseitig so stark unter Druck?
Wären unsere Leben nicht wesentlich leichter und friedlicher,
wenn wir wieder etwas mehr Mut zur Mittelmäßigkeit hätten?
Vielleicht ist Mittelmäßigkeit gar kein Scheitern.
Vielleicht ist sie einfach die Fähigkeit,
in sich zu ruhen, ohne permanent außergewöhnlich sein zu müssen.
Die Pokale meiner Familie
Meine Mutter hatte immer wunderbare Geburtstagsfeiern
für uns Kinder organisiert.
Eines der Highlights war, dass alle Kinder
aus den großen Tennis-Pokalen meiner Eltern trinken durften.
Ich erinnere mich noch an die vielen „Ahhhhs“ und „Ohhhhs“.
Wie cool das doch sei.
Und wie toll meine Eltern sein müssten,
weil sie so viele große Pokale gewonnen hatten.
Und was entstand in mir?
Druck.
Der Wunsch, es ihnen gleichzutun.
Auch ich spielte Tennis.
Aber eben mittelmäßig.
Derjenige, der die großen Pokale nach Hause brachte,
war mein kleiner Bruder.
Er war der Star.
Vielleicht glaubte ich deshalb später, ich müsste irgendetwas nachholen.
Ich versuchte mich in einem anderen Sport.
Ich legte unglaublich viel Zeit und Energie hinein, um ebenfalls abzuliefern.
Um auch Pokale nach Hause zu bringen.
Um auch einmal auf dem „Stockerl“ zu stehen.
Irgendwann gelang mir das tatsächlich.
Nach Jahren hingabevollen Trainings.
Das Gefühl der Erfolge war schön.
Aber nie von Dauer.
Ich glaube, mir war lange nicht bewusst,
wie viel Lebenszeit ich im inneren Leistungsmodus verbracht habe.
Aus dem Wunsch, gut genug zu sein,
wurde irgendwann ein dauernder Druck, mehr sein zu müssen.
Und die Pokale?
Viele davon landeten inzwischen im Müll.
Einige verstauben noch irgendwo in einer Lade.
Heute weiß ich:
Sie sind nicht „ich“.
Ich bin viel mehr als diese Pokale.
Ich brauche sie nicht mehr.
Die moderne Sucht nach „mehr“
Einer baut den größten Wolkenkratzer.
Eine andere schreibt die meisten Bestseller.
Der Nächste ist in der angesagtesten Clique,
hat den höchsten IQ,
den besten Humor,
das begabteste Kind,
das meiste Geld,
die wenigsten Falten …
Doch wenn wir einen Schritt zurücktreten, erkennen wir oft,
wie wenig all das eigentlich bedeutet.
Vielleicht zerstört unser permanenter Optimierungsdrang längst genau das,
wonach wir uns eigentlich sehnen:
innere Ruhe.
Verbundenheit.
Menschlichkeit.
Anstatt uns Zeit zu nehmen, wirklich einmal nach innen zu schauen
oder über unsere Werte und unseren persönlichen Sinn nachzudenken,
verbringen wir viel Lebenszeit damit, Dingen und Erfolgen hinterherzulaufen,
die wir irgendwann ohnehin wieder loslassen müssen.
Auch soziale Medien hätten eigentlich das Potenzial,
uns miteinander zu verbinden.
Uns auszutauschen.
Uns gegenseitig zu inspirieren.
Doch wir schaffen daraus vielmehr eine Kultur des Vergleichens.
Mehr Likes.
Mehr Aufmerksamkeit.
Mehr Filter.
Mehr Perfektion.
Sogar unsere schönsten Hobbys werden nur allzu schnell zu einem Optimierungsprojekt.
Wir beginnen mit Freude, Neugier und Begeisterung.
Doch allzu leicht verwandelt sich genau das in Verbissenheit:
eine schnellere Zeit,
ein besseres Auto,
ein spektakulärerer Urlaub,
ein niedrigeres Handicap,
die gesündeste Ernährung,
der durchtrainierteste Körper….
Der Grat zwischen gesundem Wachstum
und zwanghafter Selbstoptimierung ist sehr schmal.
Die Illusion von Kontrolle
Optimierung verspricht unserem Verstand unbewusst Sicherheit.
Wenn wir besser werden, erfolgreicher, attraktiver oder disziplinierter,
fühlen wir uns für einen Moment sicherer.
Kontrollierter.
Weniger verletzlich.
Wenn ich perfekt funktioniere, werde ich vielleicht nicht kritisiert.
Wenn ich erfolgreich bin, fühle ich mich sicherer.
Wenn ich attraktiv genug bin, werde ich vielleicht nicht verlassen.
Wenn ich alles kontrolliere, kann nichts schiefgehen.
Doch das Leben bleibt trotzdem unkontrollierbar.
Menschen können uns ablehnen.
Krisen können kommen.
Körper altern.
Beziehungen verändern sich.
Und so entsteht oft dieser nie endende Kreislauf:
Noch besser werden.
Noch mehr leisten.
Noch mehr absichern.
Vielleicht steckt hinter unserem Optimierungsdrang gar nicht unbedingt Ehrgeiz.
Sondern vielmehr der Versuch,
Unsicherheit und Verletzlichkeit nicht fühlen zu müssen.
Vielleicht versuchen wir nur, uns sicher zu fühlen.
Was wäre, wenn wir öfter den Mut hätten,
auch einmal schwach zu sein.
Auf der Verliererseite zu stehen.
Nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Einfach mittelmäßig.
Und dennoch zufrieden.
Wachstum ohne Überlegenheit
Auch Konkurrenz entsteht oft aus einem inneren Gefühl von Mangel.
Sie macht das Leben plötzlich zum ständigen Vergleich:
Wer ist erfolgreicher?
Schöner?
Origineller?
Lustiger?
Intelligenter?
Doch Wachstum müsste eigentlich nichts mit Überlegenheit zu tun haben.
Echte Entwicklung könnte auch bedeuten,
sich gegenseitig zu inspirieren, voneinander zu lernen
und Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung zu sehen.
Unser Ego erlebt Unterschiede jedoch oft anders.
Wenn jemand etwas besonders gut kann, fühlen wir uns schnell kleiner.
Wenn jemand sichtbar wird, beginnen wir uns zu vergleichen.
Wenn jemand Erfolg hat, entstehen oft Neid oder innerer Widerstand.
Warum?
Weil viele von uns tief gelernt haben:
„Ich bin nur wertvoll, wenn ich mithalten kann.“
So wird Begegnung sehr oft unbewusst zu Konkurrenz.
Doch ein reifer Mensch muss andere nicht klein machen,
um sich selbst groß zu fühlen.
Je mehr ein Mensch bei sich selbst angekommen ist,
desto weniger muss er sich permanent vergleichen.
Dann entsteht Raum für echte Inspiration.
Dann kann jemand anderes erfolgreich sein,
ohne dass wir uns selbst dadurch entwertet fühlen.
Vielleicht ist genau das eine der großen Herausforderungen unserer Zeit:
Wieder zu lernen, einander nicht als Konkurrenz wahrzunehmen -
sondern als Ergänzung.
Denn Menschen tragen ganz unterschiedliche Qualitäten in sich.
Der eine bringt Ruhe.
Die andere Kreativität.
Jemand Klarheit.
Ein anderer Wärme oder Mut.
Und vielleicht würde vieles leichter werden,
wenn wir Unterschiede nicht sofort hierarchisch bewerten würden.
Nicht: „Wer ist besser?“
Sondern: „Was kann ich von diesem Menschen lernen?“
Die Würde eines normalen Lebens
Das gute Leben entsteht aus Ausgewogenheit, nicht aus Extremeinsatz.
Wie viel menschlicher wäre unsere Welt,
wenn wir nicht so sehr an Erfolg und Anerkennung haften würden.
Weniger Burnout.
Weniger Leistungsidentität.
Weniger Selbstwert, der vom Funktionieren abhängt.
Und genau deshalb ist es für mich heute wichtiger denn je,
wieder mehr nach innen zu schauen.
Im Jetzt zu bleiben.
Freude an kleinen Dingen zu finden.
Nicht nur an den großen.
An den ganz normalen Momenten des Alltags.
An Routinen.
An Ruhe.
An kleinen Freuden, die nichts beweisen müssen.
Ich glaube, genau so können unsere Leben wieder einfacher,
leichter und friedlicher werden.
Es gibt auch eine sehr lebendige Durchschnittlichkeit.
Eine menschliche.
Eine ausgeglichene.
Im Einklang mit uns selbst.
Man kann ambitioniert sein, ohne sich ständig beweisen zu müssen.
Vielleicht liegt genau darin etwas sehr Befreiendes:
nicht außergewöhnlich sein zu müssen,
um ein erfülltes Leben zu führen.
Jetzt.
Heute.
Geiches Leben.
Neue Perspektive.
LUMA – it begins in you.
Mini Übung
Beobachte heute einmal bewusst einen Moment,
in dem du dich vergleichst oder innerlich „mehr“ sein möchtest:
erfolgreicher, interessanter, produktiver, schöner, besonderer,…
Und dann halte kurz inne.
Atme.
Frage dich:
Wer wäre ich in diesem Moment,
wenn ich nichts beweisen müsste?
Versuche für einen Augenblick,
nicht besser sein zu wollen.
Nur da.
Reflexionsfrage
Wo in meinem Leben entsteht Druck,
weil ich glaube, außergewöhnlich sein zu müssen?