HINGABE

Ich liebe es, Menschen dabei zu beobachten,
wie sie etwas mit voller Hingabe tun.
Besonders dann, wenn es keine großen Dinge sind -
sondern ganz kleine, vermeintlich unbedeutende.

Menschen, die dieser einen Tätigkeit ihre volle Aufmerksamkeit schenken.
Die ganz im Moment aufgehen.
Die das Zeitgefühl verlieren, weil sie mit Liebe bei dem sind, was sie gerade tun.

Ich denke noch oft an das kleine Tauchresort auf den Philippinen,
in dem ich einst gearbeitet habe.
Und an eine junge philippinische Kellnerin namens Denia.
Sie erledigte alles mit Hingabe.

Schon am frühen Nachmittag setzte sie sich mit der Köchin zusammen,
um das Abendmenü zu besprechen.
Danach begann sie ihr besonderes Ritual: die Kreidetafel.

Mit bunten Kreiden schrieb sie jeden Tag aufs Neue das Menü auf die kleine Tafel.
Sie malte kleine Verzierungen dazu, Ornamente, Blumen, geschwungene Linien.
Sie nahm sich Zeit und malte mit einer unglaublichen Ruhe und Liebe zum Detail,
als würde eine große Malerin an ihrem Kunstwerk arbeiten.

Ich sah ihr so gerne dabei zu.
Und auch die Gäste liebten es.
Jeden Tag bekam Denia dafür begeisterte Kommentare.

Später präsentierte sie den Gästen das Tagesmenü.
Und obwohl sie eigentlich sehr schüchtern war,
verwandelte sie sich in diesem Moment fast in eine Schauspielerin auf der Bühne.
Jeden Abend dieselbe kleine Geste mit ihren Händen.
Jeden Abend derselbe Satz: „Ladies and Gentlemen, dinner is ready.“
Mit ihrem charmanten Akzent.
Mit einem warmen Lächeln.
Mit Würde und Präsenz.

Jeden Abend wurde gelacht, applaudiert und gestrahlt.
Nie hatte ich das Gefühl, sie denke:
„Ich bin doch nur Kellnerin.“ oder
„Ich bin nicht besonders genug“

Im Gegenteil.
Das, was sie tat, war für sie selbst enorm wichtig.
Und genau deshalb für alle anderen auch.

Hingabe im Alltag

Viele Menschen glauben, Hingabe entstehe nur in besonderen Momenten.
In außergewöhnlichen Leistungen.
In großen Erfolgen.
In besonderen Talenten.

Aber oft reicht es schon,
kleine Momente im Alltag bewusster wahrzunehmen.
Das warme Wasser unter der Dusche.
Den ersten Kaffee am Morgen.
Den Atem vor einem stressigen Gespräch.
Das Geräusch der eigenen Schritte…

Hingabe entsteht dann, wenn wir für einen Moment wirklich da sind.
Bei der einen Sache, um die es gerade geht.
Ohne Multitasking.
Ohne innerlich schon beim Nächsten zu sein.

Ich persönlich spüre echte Hingabe vor allem dann,
wenn ich mein Zeitgefühl verliere.
Nur dann bin ich wirklich frei von Gedanken,
die nichts mit dem gegenwärtigen Moment zu tun haben.

Früher passierte mir das oft in der Arbeit,
wenn ich besondere Reisen für Kunden zusammenstellte.
Ich erlebte diese Reisen innerlich fast selbst mit.
Oft war ich so in die Planung vertieft,
dass ich mein gesamtes Umfeld kaum noch wahrnahm.
Ich wollte einfach nur ungestört weitermachen.

Im Lockdown spürte ich Hingabe oft bei der Gartenarbeit.
Viele Stunden vergingen dabei wie ein einziger kurzer Moment.

Die Kindheit als Wegweiser

Um zu spüren, welche Tätigkeiten uns mit Hingabe erfüllen können,
hilft oft eine Rückschau in die Kindheit.
Wobei haben wir als Kind das Gefühl für Zeit und Raum verloren?
Wobei waren wir als Kinder völlig im Jetzt?

Ich erinnere mich zum Beispiel an die Karfreitage,
an denen wir traditionell mit der Familie Ostereier bemalt haben.
Meine liebste Technik war jene mit Salzsäure aus Omas Apotheke.
Ein Zahnstocher wurde vorsichtig eingetunkt,
und damit konnten wir Muster in die vorgefärbten Eier ätzen.

In meiner Erinnerung wurde an diesen Abenden gar nicht viel gesprochen.
Vor allem wurde hingebungsvoll gemalt.
Über Stunden.
Wir waren still und konzentriert -
und gleichzeitig auf eine schöne Weise miteinander verbunden.
Ich wünschte oft, dass diese Abende niemals enden.
Gemeinsam kreierten wir einen herrlichen Korb voller unterschiedlichster Ostereier.

Wenn das WIE wichtiger wird als das WAS

Wenn wir mit Menschen zu tun haben, spüren wir sofort den Unterschied:
Der Arzt, der wirklich zuhört.
Die Lehrerin, die ein Kind ermutigt.
Der Busfahrer, der morgens freundlich grüßt.
Die Bäckerin, die ihren Beruf nicht nur ausführt,
sondern etwas von sich hineingibt.
Der Kellner, der ein Gericht mit natürlicher Würde und Aufmerksamkeit serviert.

In ihrem Handeln spüren wir etwas Entscheidendes:
Dass das WIE oft wichtiger ist als das WAS.

Und ich bin mir sicher:
Wenn wir alle wieder mehr Hingabe in unser Tun legen würden,
würde das die Lebensqualität vieler Menschen verbessern.

Die Wirkung auf andere Menschen

Hingabe verändert nicht nur uns selbst.
Sie verändert auch die Atmosphäre um uns herum.

Manche Menschen betreten einen Raum
und bringen sofort Unruhe mit.

Andere bringen Ruhe.
Nicht weil ihr Leben perfekt wäre.
Sondern weil sie anwesend sind.
Weil sie zuhören.
Weil sie nicht permanent irgendwo anders sind.

Vielleicht ist genau das heute selten geworden:
Menschen, die wirklich da sind.

Hingabe wirkt nach

Denia hinterließ bei mir einen nachhaltigen Eindruck.
Viele Jahre später, als mein Mann und ich Reiseveranstalter in Wien waren,
gab es in unserem Büro keine typischen Urlaubsbilder mit Stränden oder Palmen in der Auslage.
Stattdessen stand dort eine Kreidetafel.

Jeden Tag schrieben wir neue Sprüche darauf,
und verzierten sie mit Liebe zum Detail.
Einer unserer langjährigen Stammkunden erzählte mir später einmal,
dass er nur wegen dieser originellen Kreidetafel unser Büro betreten hatte.

Und vielleicht zeigt genau das etwas sehr Schönes:
Hingabe bleibt selten unbemerkt.
Sie berührt Menschen.

Und manchmal pflanzt ein Mensch damit etwas weiter,
das viele Jahre später an einem ganz anderen Ort wieder auftaucht.

LUMA – it begins in you.

Mini Übung
Schließe für einen Moment die Augen
und denke an deine Kindheit.
Gab es etwas, das du einfach nur aus Freude getan hast?
Etwas, das intuitiv aus dir herauskam.
Etwas, das du geliebt hast - nur für dich.
Wobei du die Zeit vergessen hast.
Vielleicht malen, bauen, tanzen, radfahren, tagträumen,…
Kannst du vielleicht etwas davon wieder zurück in dein heutiges Leben holen?

Reflexionsfrage
In welchen Situationen bist du zwar körperlich anwesend -
aber innerlich ganz woanders?

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MITTELMASS