STILLE

STILLE

Als junger Mensch konnte ich mit Stille wenig anfangen.
Einer meiner Lieblingssprüche war sogar:
„Ich mag Musik nur, wenn sie laut ist.“

Ich liebte Konzerte.
Partys.
Große Städte.
Viele Menschen.

Wenn irgendwo etwas los war, war ich dabei.
Und zwar nicht kurz.
Sondern bis zum bitteren Ende.

Stille fühlte sich für mich damals eher an wie:
Langeweile.
Stillstand.
Verpassen.

Als würde das eigentliche Leben immer woanders stattfinden.
Nur nicht da, wo es gerade ruhig ist.

Als Stille sich plötzlich richtig anfühlte

Mit den Jahren hat sich das sehr verändert.

Heute liebe ich die Ruhe der Natur.
Die Stille zu Hause am Feuer.
Momente ohne Gespräche.
Ohne Geräusche.
Ohne Ablenkung.
Meditation.

Manchmal tauchen noch diese Stimmen im Umfeld auf:
„Du bist alt geworden.“
„Langweilig.“

Und natürlich fragt man sich anfangs:
Stimmt das vielleicht?
Ist da etwas verloren gegangen?

Aber irgendwann habe ich gemerkt:
Die Stille hat mein Leben nicht kleiner gemacht.
Sondern reicher.

Nicht spektakulärer.
Aber echter.

Vielleicht habe ich mit dem Loslassen meines jüngeren Ichs gar nichts verloren.
Vielleicht habe ich einfach nur aufgehört, an etwas festzuhalten,
das längst nicht mehr zu mir passt.

Ist Stille vielleicht auch Reifung?

Ich habe mich schon oft gefragt,
warum ich so wenige ältere Menschen kenne,
die wirklich glücklich sind.

Liegt es vielleicht auch daran,
dass wir so selten die Vorzüge unserer Reifung sehen -
und viel öfter nur das, was wir nicht mehr sind?

Warum will unsere Gesellschaft so sehr an der Jugend festhalten?
An der äußeren genauso wie an der inneren?

An diesem Wunsch, noch irgendwie „dabei“ zu sein.
Cool zu wirken.
Relevant zu bleiben.
Nichts von sich altern zu lassen.

Ich verstehe diesen Impuls. Wirklich.

Aber ich merke bei mir selbst:
Es ist auch unglaublich befreiend,
wenn einen nicht mehr permanent interessiert,
was gerade hip, cool, in oder out ist.

Und ich spüre,
dass mit dieser Haltung vieles leichter wird.

Nicht mehr überall dabei sein zu müssen

Ich finde es wunderbar,
dass ich heute einfach nach Hause gehen kann,
wenn mein Körper mir zeigt, dass er müde ist.

Und nicht erst dann,
wenn andere finden, es sei „spät genug“.

Früher hätte ich das nicht gekonnt.
Oder zumindest nicht ohne das Gefühl,
etwas zu verpassen oder Erwartungen nicht zu erfüllen.

Heute fühlt es sich eher an,
als würde ich endlich etwas nicht mehr verpassen: mich selbst.

Allein sein ist nicht immer einsam

Früher war ich nicht gern allein.

Alleinsein fühlte sich schnell an wie Leere.
Wie etwas, das man möglichst sofort füllen sollte.

Mit Menschen.
Mit Plänen.
Mit Geräuschen.
Mit irgendwas.

Heute verändert sich auch das.
Nicht so, dass ich jetzt ständig allein sein will.
Aber ich genieße es immer öfter.
Ich brauche nicht mehr dauernd Begleitung oder Unterhaltung.

Wenn niemand mit mir spazieren gehen will,
dann gehe ich eben allein.
Und das Verrückte ist:
Es fühlt sich inzwischen nicht mehr einsam an.
Sondern gut.

Ich kann mich selbst begleiten.
Ich kann mich selbst unterhalten.
Und manchmal ist das sogar die bessere Gesellschaft.
Wenn ich allein bin, in Stille,
lerne ich mich auf eine andere Art kennen.

Dann bin ich niemand für andere.
Dann muss ich nichts darstellen.
Nichts erfüllen.
Nichts senden.

Dann gibt es für diesen Moment kein Außen.
Nur mich.

Und ich glaube,
ich verstehe jetzt langsam,
dass Alleinsein nicht automatisch Einsamkeit bedeutet.
Manchmal ist es sogar ein sehr schöner Zustand.
Fast ein stilles Abenteuer.

Was heute nach Freiheit klingt

Vielleicht brauchte es all die lauten Jahre,
um die leisen wirklich schätzen zu lernen.
Nicht, weil das eine besser ist als das andere.
Sondern weil sich das Leben irgendwann einfach anders anfühlt.

Irgendwie reifer.
Tiefer.
Echter.

Und weil manches,
was früher nach Verzicht aussah,
sich heute eher nach Freiheit anfühlt.

Gleiche Welt.
Mehr Stille.
Mehr Tiefe.
Mehr Bewusstsein.

LUMA – it begins in you.

Mini-Übung:
Nimm dir heute bewusst einige Minuten ohne Ablenkung.
Kein Handy.
Keine Musik.
Kein Podcast.
Setz dich einfach hin oder geh ein paar Schritte allein.
Und beobachte, was auftaucht, wenn es einmal still wird.

Reflexionsfrage: Wann fühlt sich Stille für mich nach Leere an -
und wann nach Freiheit?

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