OPFER oder GESTALTER
Es gibt Menschen, die hätten – von außen betrachtet – jedes Recht, aufzugeben.
Und doch tun sie es nicht.
Ich denke oft an einen jungen Mann aus Afghanistan, den ich eine Zeit lang in Österreich begleiten durfte.
Er wartete zwei Jahre auf die Bearbeitung seines Asylantrags.
Zwei Jahre Unsicherheit. Zwei Jahre Schwebezustand.
Und in dieser Zeit tat er etwas Bemerkenswertes:
Er wartete nicht nur.
Er lernte Deutsch.
Er absolvierte Integrationskurse.
Er engagierte sich freiwillig.
Er versuchte, sich ein Leben aufzubauen – obwohl noch gar nicht klar war, ob er bleiben durfte.
Dann wurde sein Antrag abgelehnt.
Er musste das Land verlassen.
Man könnte sagen:
Wenn jemand allen Grund gehabt hätte, sich als Opfer des Lebens zu fühlen, dann er.
Und trotzdem war da etwas in ihm, das nicht aufgegeben hat.
Er floh ein weiteres Mal, diesmal nach Frankreich.
Er lernte Französisch.
Er stellte sich noch einmal einem langwierigen Verfahren.
Und irgendwann – nach Jahren – bekam er die Arbeitserlaubnis.
Heute hat er sich dort ein Leben aufgebaut.
Nicht weil es leicht war.
Sondern weil er innerlich an einem Ort geblieben ist, den viele von uns verlieren:
bei der eigenen Gestaltungskraft.
Oft tragen wir mehr, als das Leben uns auferlegt
Und dann gibt es Menschen, deren Leben – von außen betrachtet – sicher,
privilegiert und voller Möglichkeiten wirkt.
Und trotzdem fühlen sie sich dauerhaft blockiert.
Unzufrieden.
Benachteiligt.
Ausgeliefert.
Nicht, weil ihr Schmerz nicht echt wäre.
Sondern weil wir Menschen etwas sehr Menschliches tun:
Wir erzählen uns Geschichten darüber, warum wir nicht können.
Warum jetzt nicht.
Warum mit diesem Partner nicht.
Mit dieser Vergangenheit nicht.
Mit diesem Körper nicht.
Mit dieser Kindheit nicht.
Mit dieser Weltlage nicht.
Und manche dieser Geschichten klingen so vernünftig,
dass wir jahrelang nicht merken, wie sehr sie uns festhalten.
Die Opferrolle ist oft leise
Sie kommt nicht immer dramatisch daher. Manchmal klingt sie ganz harmlos:
Ich kann das gerade nicht, weil ich keine Zeit habe.
Ich kann in dieser Beziehung nicht glücklich sein, solange sich der andere nicht ändert.
Nach allem, was passiert ist, kann ich heute nicht einfach frei sein.
Und ja – manche Gründe sind real.
Manche Wunden sind tief.
Manche Umstände sind schwer.
Aber irgendwann stellt sich eine andere Frage:
Was bleibt trotzdem in meiner Hand?
Vielleicht nicht alles.
Aber vermutlich mehr, als wir im ersten Moment glauben.
Warum die Opferhaltung so verführerisch ist
Weil sie uns kurzfristig entlastet.
Solange das Problem ganz im Außen liegt,
müssen wir uns nicht bewegen.
Dann sind die anderen schuld.
Die Politik.
Der Partner.
Die Gesellschaft.
Die Kindheit.
Die Umstände.
Die falsche Zeit.
Und manchmal fühlt sich das sogar verbindend an.
Es ist leicht, sich mit anderen dort zu treffen, wo klar ist, wer schuld ist.
Aber so verständlich das ist: Es macht uns nicht frei.
Denn solange wir nur beschreiben, was uns festhält,
betreten wir noch nicht den Raum, in dem Veränderung möglich wird.
Vielleicht liegt ein Teil der Schwere nicht nur im Erlebten,
sondern auch darin, wie sehr wir uns darin wiederfinden.
Und wenn sich diese enge Verbindung ein wenig löst,
entsteht oft etwas Unerwartetes:
mehr Raum.
mehr Beweglichkeit.
und manchmal auch ein Stück Freiheit.
Wenn wir wieder in unsere Kraft kommen
Es gibt ein Gefühl, das entsteht, wenn wir Verantwortung übernehmen –
nicht als Last, sondern als Rückkehr zu uns selbst.
Psychologisch nennt man das Selbstwirksamkeit:
die Erfahrung, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht.
Und diese Erfahrung verändert etwas.
Nicht nur im Denken, sondern auch im Inneren.
Wenn wir beginnen zu handeln, statt uns nur zu erklären,
wächst oft etwas, das lange gefehlt hat:
Selbstachtung.
Würde.
Innere Aufrichtung.
Nicht weil plötzlich alles gut ist. Sondern weil wir wieder spüren:
Ich kann etwas mit meinem Leben machen.
Bewusstheit als Anfang
Vielleicht ist es weniger eine Frage von
„Wie komme ich da raus?“
als eine von:
„Sehe ich gerade, was ich mir selbst erzähle?“
Denn in dem Moment, in dem etwas sichtbar wird,
verliert es oft ein Stück seiner Macht.
Und plötzlich entsteht etwas Neues.
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einem großen Schritt.
Sondern mit einem Moment von Ehrlichkeit zu uns selbst.
Zu sehen, wo wir uns selbst festhalten. Ohne Urteil.
Gleiche Situation.
Neue Perspektive.
LUMA – It begins in you
Mini-Übung
Nimm dir heute einen stillen Moment und denk an etwas, das sich in deinem Leben gerade schwer anfühlt.
Dann frage dich:
Was ist wirklich da – und was füge ich innerlich noch hinzu?
Manchmal liegt genau in diesem Unterschied schon der erste Schritt in Richtung Freiheit.
Reflexionsfrage:
Wo erlebe ich mich gerade als Opfer einer Situation –
und was würde sich verändern, wenn ich mich innerlich einen kleinen Schritt davon löse?