DANKBARKEIT
Dankbarkeit wurde mir als Kind vor allem als eine Geste der Höflichkeit beigebracht.
Ich höre noch die Stimme meiner Mutter: „Sag immer schön Danke.“
Heute ist Dankbarkeit für mich viel mehr als gute Manieren. Sie ist eine Lebenseinstellung, eine Haltung, die mein Leben um Vielfaches lebenswerter macht.
Dankbarkeit verändert den Fokus
Im Alltag richten wir unseren Blick viel zu gerne auf das, was fehlt, nicht funktioniert oder noch erledigt werden muss.
Bewusste Dankbarkeit verändert nicht die Situation. Sie verändert unseren Blick darauf.
Oft sind es gar nicht die großen Dinge, sondern die kleinen, alltäglichen Momente. Vielleicht ein freundliches Wort, das Zwitschern der Vögel oder einfach ein Sonnenstrahl auf dem Gesicht.
Dinge, die selbstverständlich erscheinen – bis wir sie bewusst wahrnehmen.
Manchmal führt mich Dankbarkeit aber auch zu den größeren Dingen.
Ein sicheres Zuhause. Frieden. Die Möglichkeit, frei zu leben und meine Meinung zu äußern.
Vieles davon erscheint im Alltag selbstverständlich – bis wir erkennen, dass es das für einen großen Teil der Menschheit nicht ist. In solchen Momenten wird aus Selbstverständlichkeit wieder Dankbarkeit.
Dankbarkeit als Draht zum Jetzt
Dankbarkeit bringt mich immer wieder zurück in den Moment.
Sie hilft mir, das Grübeln über gestern und die Sorgen um morgen für einen Augenblick loszulassen und im Hier und Jetzt anzukommen.
Sie schafft Verbindung. Zu mir selbst, zu anderen Menschen und zu dem Leben, das mich trägt.
In Momenten der Dankbarkeit erkenne ich leichter, wie viel Unterstützung, Begegnung und Geschenk bereits in meinem Alltag verborgen liegen.
Dankbarkeit ist kein Schönreden. Sie lädt uns ein, das Ganze zu sehen: das, was belastet, und auch das, was uns trägt.
Dankbarkeit in schweren Zeiten
Ich bin immer wieder überrascht, wie viel mich gerade schwere Zeiten über Dankbarkeit gelehrt haben.
Vor ein paar Tagen sagte mein Mann, der in den vergangenen Jahren mehrere schwere Operationen durchstehen musste, dass er heute in gewisser Weise sogar dankbar für diese Schicksalsschläge sei.
Ich musste kurz innehalten. Denn zum Zeitpunkt der Diagnosen war sein Blick oft ein anderer.
Im ersten Schock stand vor allem die Frage im Raum: „Warum ich?“
Heute ist er enorm dankbar für die Unterstützung, die er bekommen hat und noch immer bekommt.
Dankbar für das Privileg einer hervorragenden medizinischen Versorgung. Und vor allem dankbar für die vielen Veränderungen, die durch diese Erfahrungen angestoßen wurden.
Keine dieser Erfahrungen hätten wir uns ausgesucht.
Und dennoch haben sie uns gelehrt, bewusster zu leben, manches neu zu ordnen und vieles mehr wertzuschätzen.
Rückblickend sind wir uns einig: Unsere Lebensqualität ist heute in vielerlei Hinsicht höher als zuvor.
Dankbarkeit ist eine Entscheidung
Dankbarkeit ist nicht nur ein Gefühl, das zufällig auftaucht. Sie beginnt oft mit einer bewussten Entscheidung:
Worauf richte ich heute meinen Blick?
Nicht jeder Tag fällt leicht. Nicht an jedem Tag fühlen wir uns dankbar. Aber wir können lernen, die kleinen Momente wahrzunehmen, die sonst untergehen würden.
Ein gutes Gespräch. Ein Moment der Ruhe. Der Duft von frischem Brot auf dem Weg zur Arbeit.
Ein freundlicher Gruß am Morgen.
Je öfter wir solche Augenblicke bemerken, desto leichter fällt es uns, auch im Alltag das Gute wahrzunehmen, das bereits da ist.
Dankbarkeit schafft Verbindung
Dankbarkeit erfüllt mich immer wieder mit Demut und führt mich weg von Selbstbezogenheit.
Sie lässt mich bewusster wahrnehmen, wie sehr wir alle miteinander verbunden sind.
Manchmal denke ich morgens bei meinem Kaffee daran, wie viele Menschen dazu beigetragen haben, dass ich ihn jetzt in den Händen halte. Menschen haben die Bohnen angebaut, geerntet und transportiert. Andere haben die Kaffeemaschine entwickelt, gebaut und verkauft.
Plötzlich wird aus einer scheinbar selbstverständlichen Tasse Kaffee etwas Besonderes.
Und dann schmeckt sie gleich noch ein bisschen besser.
Vielleicht ist genau das das größte Geschenk der Dankbarkeit:
Sie macht das Leben nicht größer, reicher oder einfacher.
Aber sie hilft uns, das wahrzunehmen, was längst da ist.
Und manchmal merken wir erst dann, wie reich unser Leben eigentlich schon ist.
Mini-Übung
Frage dich am Abend vor dem Einschlafen:
Für welche 3 Dinge bin ich heute besonders dankbar?
Reflexionsfrage
Welcher Moment hat mir heute gutgetan, ohne dass ich ihm viel Aufmerksamkeit geschenkt habe?